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Autor Thema: Stigmatisierung als pädagogische Strategie  (Gelesen 7818 mal)
maywald
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Beiträge: 16


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Stigmatisierung als pädagogische Strategie
« am: Januar 07, 2007, 01:49:36 »

Aus Platz- und Zeitgründen bin ich gezwungen, den Sachverhalt recht kurz und vereinfacht darzustellen. Auch dient es der Verständlichkeit.



Um gewissen Einwänden gleich zu begegnen. Es geht mir hier in erster Linie um einen Teilaspekt pädagogischen Handelns.
Diese von mir erwähnte pädagogische Strategie greift jedoch so gravierend in die Persönlichkeitsentwicklung ein, dass sie das Selbstbild und das moralische Selbstbewußtsein der betreffenden jungen Menschen so nachhaltig beeinflußt und schädigt, dass diese ihr Leben nie richtig in den Griff bekommen.  Aus tiefsitzenden Demütigungserfahrungen heraus,  neigen diese Menschen dazu, sich und andere zu verletzen.
Wie in einer Art Endlosschleife bedingt das eine das andere und das andere das eine.

Natürlich weiß ich um die Mystifizierungen  und inhaltlichen Verdrehungen derer, denen es darum geht, die destruktiven Formen   pädagogischer  Praxis im Dienste und Interesse einer herrschenden bürgerlichen Klasse zu rechtfertigen. Von allen Seiten bekommt man zu hören, dass man die Wohltätigkeiten von Lehrern und Lehrerinnen nicht zu  würdigen weiß  und die Schwierigkeiten, die nun einmal der Beruf des Pädagogen mit sich bringt, unterschätzt. Aber   dies in Frage  zu stellen, darum geht es mir nicht.

Vielmehr komme ich noch einmal auf die Frage des Kriminologen Christian Pfeifer zurück:

Zitat
"Warum produziert unser Schulsystem so viele Verlierer?" 

 

Es gibt pädagogische Strategien, die den oben genannten Sachverhalt verstärken oder sogar begünstigen.

Eines dieser pädagogischen Strategien, welche ein ganz bestimmtes Lehrer-Schüler-Verhältnis charakterisiert wird in der Sozialwissenschaft als "  Stigmatisierung "
bezeichnet.

Was beschreibt den  Prozess der Stigmatisierung  , wie läuft dieser ab und mit welchen Folgen müssen die Betroffenen leben?


 Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Lehrer bestimmte Schüler/Schülerinnen schneiden, diese bewußt übergehen, wenn die sich melden oder beiläufig abfällige Bemerkungen machen.  In aller Regel sind es Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern oder eben jene, die es mit dem Lernen etwas schwerer haben. 
In der Anfangsklasse meiner Berufschule erkundigte sich der Lehrer,  wer den von der Sonderschule kommt. Jene, die sich meldeten, es waren nicht viele, mussten sich in die hinteren Bankreihen setzen.  Ich gehörte dazu. Doppelt stigmatisiert, als Sonderschüler und Heimkind, musste ich  viele Demütigungen von seiten der Lehrer und Lehrerinnen  ertragen. Während meiner Zeit auf dem Abendgymnasium lernte ich einige Studienräte kennen, die sich darüber prüskierten, warum denn jeder Trottel zum Abitur müsse und ob das denn überhaupt notwendig sei.  Zynische und abfällige Bemerkungen waren auch während der Studienzeit von manchem Professor/ mancher Professorin zu hören.  So weit meine Erfahrungen,  nun zur Theorie:
 
Laut Lexikon der Soziologie ( Werner Fuchs-Heinritz et al, 3. Aufl.1994) versteht man   Stigmatisierung als einen Prozeß der negativen Zuschreibung, also der "Kategorisierung einer Person durch gesellschaftlich  oder gruppenspezifisch  negativ bewertete Attribute, d.h. durch (vermeintliche) Eigenschaften, welche die betreffende Person  entwürdigen".

Die Wahrnehmung der "negativen" Schülerpersönlichkeit  beruht meist auf eine insgeheim angenommene persönliche Theorie, welche Lehrer oder Lehrerinnen sich über ganz bestimmte  Schüler machen. "Die Wahrnehmung des einen negativen Merkmals (z.B. Lernschwäche ) wird meist  mit anderen unvorteilhaften Eigenschaften des Schülers in Verbindung gebracht (z.B. soziale Herkunft).   
(siehe hierzu auch Friedrich Lösel:  Prozesse der Stigmatisierung in der Schule 2. Typisierungen der Schüler durch ihren Lehrer; zu finden unter dem Stichort Stigmatisierung bei Wikipedia.)

Das Stigma "Schulversager" wird zu einem alles überwiegenden Status für das Kind, das fortan mit diesem Makel leben muss und sich so genötigt sieht,  alles daran zu setzen, diesen wieder loszuwerden.  Angesichts der Tatsache,  dass dies häufig nicht gelingt, entwickelt das Kind in eigentümlicher Weise das sogenannten  Stigmamanagement.  
Es lernt mit der zugedachten Rolle zu leben. 
(siehe hierzu auch  Erving Goffman:   "Stigma"  : Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität,12.Aufl.1996, Suhrkamp Verlag.)

"Die veränderte Selbstdefinition des Schülers/ der Schülerin als Resultat der Fremddefinition des Lehrers/ der Lehrerin erzeugt und verfestigt Verhaltensweisen, welche die Erwartungen des Lehrers und die Abweichlerrolle des Schülers zu bestätigen scheinen"  ( Friedrich Lösel  ebd. S. 10) .
In einer  "sich selbst erfüllenden Prophezeihung" (ebd. S. 11) erfüllt der Schüler/ die Schülerin schon im vorauseilendem Gehorsam die Erwartungen des Lehrers hinsichtlich der von diesem zugedachten Rolle.
Was für den einen Schüler ein "Prestigesymbol" (gute schulische Leistung; Vater ebenfalls Lehrer etc.) sein kann, ist für den anderen ein "Stigma" (schlechte schulische Leistungen, Vater Bauarbeiter). Beides beinhaltet eine "soziale Information" über den jeweiligen Schüler. Es wird dann zu einer information über das   Individuum  mit dem jeweiligen sozialen und kulturellen Hintergrund, das mit entsprechend  erweiterten Eigenschaften bedacht und in eine bestimmte Rolle gedrängt wird 
 
Stigmatisierung ist der methodische Ansatz im pädagogischen Handeln, der die Praxis sozialer Auslese 
generiert und wo schon institutionell verankert zusätzlich verstärkt.   

Jürgen Hohmeier beschreibt Stigmatisierung denn auch als einen"gesellschaftlichen Prozeß der Ausgliederung, der durch soziale Definitionen geleistet wird". (Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozeß in Stigmatisierung 1+2. Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen ,  S. 1)

Letztlich bleibt noch festzuhalten, welche gesellschaftliche Funktion diese Strategie erfüllt.

 Die Vorstellung über das  "Abnorme"   hat ebenso wie die Vorstellung von "Normalität" eine Orientierungs- und Leitfunktion im sozialen Interaktionsgeschehen. Hier geht es darum Grenzen zu markieren: Ich hier, Du da. Diese Vorstellungen macht man an vermeintliche Eigenschaften der betreffenden Personen fest, sieht diese dann als eine Bedrohung, meidet und isoliert sie. Häufig werden diese  Personen dann "auffällig", um sich Gehör zu verschaffen, geraten dann meist aber in den Focus
der Instanzen sozialer Kontrolle. Die Mitglieder solcher Randgruppen sind ohnehin  schon sozial   isoliert und degradiert. Ihre sozialen Chancen sind minimal und sie sind in ihren Lebensperspektiven eingeschränkt.  Das gilt insbesondere für die Kinder aus   Familien mit niedrigem Einkommen, geringem Bildungskapital und Sozialprestige. Gerade der französische Kultur- u. Bildungssoziologe Pierre Bourdieu hat sich u.a. in seinem Werk      "Die feinen Unterschiede"  1987, ebenfalls im Suhrkamp Verlag erschienen, damit intensiv auseinandergesetzt. Auch beschäftigte er sich bereits in den Siebziger Jahren mit der "Illusion der Chancengleichheit". In beiden Werken  ging es grob gesprochen um das gesellschaftliche Arrangement der Bildung.

Für bestimmte Interessengruppen in unserer Gesellschaft scheint es lohnenswert zu sein, bestimmte Personen von der erfolgreichen Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben auszuschließen. Es mag vielleicht auch sozioökonomische Gründe haben. Nicht jeden will man an die begehrten Fressplätze lassen.  Begehrte Güter und Kapitalsorten werden absichtlich knapp gehalten, um so Macht über einen Großteil der Menschen ausüben zu können.

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