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Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im
wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem
fernzuhalten.
Noam Chomsky |
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Einführung
Neuartige, bis dato unbekannte Medien sind zu allen Zeiten der
Geschichte mit Misstrauen beäugt und angegriffen worden. Ein Teil
der Gesellschaft steht immer ablehnend gegenüber Neuem, weil die
Menschen noch über keine Erfahrungen damit verfügen, aus Bequemlichkeit
und der Gewohnheit, sich in alten, vertrauten Schemata zu bewegen.
Befürchtungen werden ausgesprochen, welche Auswirkungen das Neue auf
die Menschen haben könnte, auf ihre Bräuche, auf ihre Werte, auf die
Jugend.
Die Mächtigen und Reichen sahen in der Erfindung des Buchdrucks
eine Gefahr für ihre privilegierte gesellschaftliche Stellung - zu
Recht, wie die Geschichte gezeigt hat. Kein anderes Medium hat im
Laufe der Zeit so zum positiven Umbruch, zur Demokratisierung der
Gesellschaft geführt wie die Erfindung Gutenbergs. Die Erfindung der
Fotografie ließ bei einigen Zeitgenossen die Befürchtung aufkommen,
sie würde die Malerei verdrängen. Ebenso den später dazugekommenen
Medien wie Cinematograph, Radio und Fernsehen standen viele mit
Skepsis gegenüber. Inwieweit das eine oder das andere Medium seinen
Vorgänger verdrängt hatte, wollen wir hier nicht untersuchen,
sondern uns gänzlich dem Lieblingsmedium der modernen Gesellschaft
widmen - dem Fernsehen.
Fernsehen - eines der zentralen Aspekte unseres
Lebens
Das Fernsehen ist ohne Frage zum herrschenden und beherrschenden
Massenmedium geworden. Die Gründe dafür liegen in unserer Natur. Zum
einen - wir nehmen neunzig Prozent unserer Umwelt visuell wahr, zum
anderen stellt der Fernsehkonsum keine besonderen geistigen
Ansprüche an den Konsumenten, etwa im Gegensatz zum Lesen eines
Buchs. Während ein geschriebener Text die aktive Teilnahme des
Lesers erfordert, sind die Anforderungen bei einem audiovisuellen
Medium deutlich geringer. Noch schmackhafter wird das Hingucken dem
Zuschauer durch sich schnell wechselnde Abfolge von Bildern,
untermalter Musik und durch geschickten Schnitt gemacht. Weil sich
unser Auge beim Fernsehen nicht auf einen Punkt fixiert werden kann,
werden wir rasch in einen schlafähnlichen Zustand versetzt, was wir
als angenehm empfinden. Wir schalten buchstäblich ab.
In den Vereinigten Staaten beträgt "die durchschnittliche Länge
einer Kameraeinstellung in den Sendungen der großen
Fernsehgesellschaften nur 3,5 Sekunden, so dass das Auge nie zur
Ruhe kommt, stets etwas Neues zu sehen bekommt." [1] Ich habe die
Zeit der Kameraeinstellung im deutschen Fernsehen zwar nicht mit
einer Stoppuhr gemessen, aber bewusst auf den Schnitt geachtet. Die
3,5 Sekunden sind auch für das deutsche Fernsehen sehr realistisch.
Der Zustand des "Wachkoma" wird durch das Fernsehprogramm
begünstigt, das "minimale Anforderungen an das Auffassungsvermögen"
des Zuschauers stellt, "eine Vielfalt an [leicht verdaulichen]
Themen" bietet und vor allem weckt und befriedigt es Gefühle.
"Selbst die Werbespots, die mancher als lästig empfindet, sind
raffiniert gemacht, stets angenehm fürs Auge und mit erregender
Musik unterlegt." [1]
Wir lieben unser Fernsehgerät, das meist einen Ehrenplatz in
unseren Wohnzimmern einnimmt. Wir verstecken es nicht in der
Rumpelkammer, nein, es thront im Wohnzimmer an einer übersichtlichen
Stelle und zieht alle Blicke auf sich. Das Fernsehen erzählt uns
Geschichten und zeigt uns ferne Länder. Es bringt uns zum Lachen und
zum Weinen, es stimmt uns traurig und heiter. Wir lieben, wir fühlen
und hassen mit den auf die Mattscheibe projizierten imaginären
Figuren in einer imaginären Story. Das Fernsehen begleitet uns treu
durch den oft tristlosen Alltag, hilft uns, die Langeweile zu
meistern und bringt sogar die Menschen zusammen, die sich am
Sonntagabend behaglich einer - oft letzter - Gemeinsamkeit erfreuen:
dem schweigsamen Starren auf die Mattscheibe. Kurz: es erfüllt alle
Kriterien einer abhängig machenden Droge.
Laut einem Bericht des NGFG e.V. verbringt jeder Deutsche mehr
als 2,5 Stunden täglich vor oder mit dem Fernsehen. Die neuesten
Untersuchungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)
verzeichnen noch alarmierendere Statistiken und erklären das Fernsehen
zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung der Deutschen. 3 Stunden und
23 Minuten täglich sehen wir fern. Den Rekord hält Sachsen-Anhalt
mit 4 Stunden und 8 Minuten. [4] "Zwei von fünf Deutschen zwischen
14 und 49 Jahren würden sich im Zweifel für das Fernsehen
entscheiden [wenn sie zwischen anderen Medien wählen müssten], oder
anders ausgedrückt: Über 40 Prozent der Bundesbürger wollen nicht
auf das Fernsehen verzichten." [2]
Gewisse Zielgruppen wie "Vorschulkinder, Schüler während der
Ferien oder an Wochenenden und ältere Menschen ab 50 Jahren"
verbringen durchschnittlich zwischen 7 - 10 Stunden täglich vor
ihrem "Lieblingshaushaltsgerät". [3] Grund genug für den ehemaligen
Bundespräsidenten Johannes Rau sich mit erhobenem Zeigefinger an die
Öffentlichkeit zu wenden: Die Eltern müssten "frühzeitig die Technik
beherrschen, mit der ein Fernsehgerät auch ausgeschaltet werden
kann. Die wenigsten wissen offenbar, wie das geht." Auch die
ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss forderte unlängst
nach einem fernsehfreien Tag - Rügen und Forderungen, die vor allem
die Betroffenen nicht erreichen.
Fernsehen - bunte Hohlwelt
Eine schöne neue Welt, in die sich diejenigen flüchten, für die
die Realität wenig zu bieten hat: Jugendliche, Hausfrauen,
Arbeitslose und Rentner. Insbesondere die ersteren, die Ende 2003
ihren tolpatschigen Teenie-Idol Daniel Küblböck zu einem der
wichtigsten Deutschen kürten (und der inzwischen fast wieder
vergessen ist), fallen kritiklos auf vorgetäuschte glamouröse Welt
der Stars und Sternchen, Marken und Outlook, Diäten und
Schönheitsoperationen, Depression und Perspektivlosigkeit herein.
"Sei, was du bist", heißt es locker und ungezwungen in der
Werbung eines großen Getränkeherstellers, aber nur, solange du
dieses Getränk konsumierst und nicht ein Aldi-Plagiat. Jeder kann
ein Star werden und in zwei Monaten Schallplatten verkaufen. Und
wenn nicht - da gibt es noch eine freiwillige Internierungsanstalt,
die mit ihrer Namensgebung Orwell verhöhnt. Und wer es da nicht
schafft, seine Intimsphäre zur Schau zu stellen, kann immer noch in
einer Talk-Show einen Ex-Freund diffamieren. "Formate wie Big
Brother oder Dschungelcamp" informieren den Zuschauer nicht mehr,
sondern ersetzen den Zuschauern ihr nicht mehr stattfindendes Leben.
Es gibt neuerdings einen Begriff dafür: Unterschichtenfernsehen.
[15]
"Unterschichtenfernsehen ist das, was bei den Privaten zu sehen
ist. Busen werden vergrößert, Lippen aufgespritzt, jemand sagt
'Scheiße', jemand weiß nicht, wo der Kölner Dom steht, jemand trinkt
schon am Morgen Bier. Man kann Klingeltöne bestellen, sie heißen zum
Beispiel Furz Drei. Ein Leben zwischen Furz Drei und Hartz IV.
Unterschichtenfernsehen ist: Tätowierungen haben. Keine Arbeit
haben. Sich die Fußnägel lackieren und sich dabei laut die Frage
stellen, ob man sie sich mal wieder schneiden soll. Sich die Nägel
schneiden, vor der Kamera." [16]
Privatfernsehen - eine Alternative zu öffentlich-rechtlichen
Sendern?
Seit Einführung des Privatfernsehens, das von der CDU als
Alternative zum öffentlich-rechtlichen "Rotfunk" gefördert wurde,
ist der tägliche Fernsehkonsum der Erwachsenen um 68 Minuten
gestiegen. [4], [5] Gleichzeitig ist es qualitativ gefallen, was
sich objektiv in keiner Statistik belegen lässt. Talk- und Reality-Shows, schmalzige Soaps und sarkastische Comedy-Shows,
oberflächliche Nachrichten und banale Reportagen, poppige
Gesangstunden und nicht gerade Intelligenz fördernde Mangas a la
"Dragon Ballz" beherrschen das Programm. Das Sendeangebot der
Privaten lässt den Eindruck entstehen, dass Dummheit zunehmend
salonfähig wird. Die Dekadenz der Medien nimmt hier allmählich Züge
an, die Witz und Humor zum debilen Wiehern eines hyperaktiven
Kretins pervertiert. Amüsement als vorübergehender Zustand wächst
hier zur Gestalt einer immer grotesker werdenden Massenhysterie
heran, die mit jedem Wachstumsschritt neue Grenzen zu überschreiten
sucht und die überreizten Sinne des Publikums mit jedem Atemzug
abstumpfen lässt. Die Menge schreit nach mehr wie ein Dogensüchtiger
an der Nadel. Eine mediale Gesellschaft, die in überwiegender
Mehrheit an sensomotorischem Realitätsverlust leidet, die geistig
hypotonisch-apathisch wird aufgrund eines jahrelangen exzessiven
Missbrauchs, ist milde ausgedrückt zu nichts zu gebrauchen. Und dass
die Zukunft von einem Nichtsnutz eher trostlos aussieht, bedarf
keiner näheren Erläuterung. Vgl. [8]
Am besten lässt sich diese Entwicklung am Beispiel Amerika
beobachten - dem Land, das Privatfernsehen erfunden hat. USA, wo
einst der Enthüllungsjournalismus den Watergate-Skandal auslöste und
bemannte Flüge zum Mond Millionen vor die Mattscheiben bannten,
droht in einem regierungsfreundlichen Konsens niederzugehen, an
Desinteresse zu ersticken. Wenn Medien ihre Funktion als unabhängige
Kritik- und Kontrollinstitution verlieren und der Regierung, den
Werbepartnern und auch den Zuschauern nach dem Munde berichten, dann
ist die Demokratie an ihrer empfindlichsten Stelle gefährdet - dem
öffentlichen Meinungsaustausch. Was alle totalitäre Staaten
anstreben und praktizieren - die Medien zu kontrollieren -,
entwickelt sich im Westen zunehmend zur Selbstzensur. Der Markt
reguliert das Angebot und lässt Inhalte, die für wenig Schaltquoten
sorgen, aus. Neil Postman, der prominenteste Fernsehkritiker, hat es
folgendermaßen formuliert: "Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher
verbieten. Huxley befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr
geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der
Bücher lesen will."
Audiovisuelle Medien als Werkzeug für Propaganda
Wie Medien uns beeinflussen, zeigen viele Beispiele aus der
Vergangenheit und der Gegenwart. "1916 wurde Woodrow Wilson auf der
Grundlage eines Anti-Kriegs-Programms zum Präsidenten gewählt. Die
Stimmung in den USA war sehr pazifistisch. Das hat in den USA eine
lange Tradition. Die Leute wollen keine Kriege in anderen Ländern
führen. Der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg wurde heftig
abgelehnt, und Wilson wurde aufgrund seiner Stellungnahme gegen den
Krieg gewählt. Er war mit dem Slogan 'Frieden ohne Sieg' zur Wahl
angetreten. Aber er strebte von Anfang an eine Beteiligung am Krieg
an. Daraus ergab sich das Problem, eine pazifistisch gestimmte
Bevölkerung in lauter verrückte antideutsche Fanatiker zu
verwandeln, die am liebsten alle Deutschen umgebracht hätten. So
etwas geht nicht ohne Propaganda, und so gründete die Regierung die
erste - und im übrigen auch einzige - große staatliche
Propagandainstitution der US-Geschichte. Sie hieß offiziell 'Komitee
zur Information der Öffentlichkeit' und wurde auch die 'Creel-Kammission'
[sic] genannt. Ihre Aufgabe bestand darin, durch die Verbreitung von
Propaganda eine hurrapatriotische Hysterie in der Bevölkerung
auszulösen. Das Ganze war ein unglaublicher Erfolg. Binnen weniger
Monate herrschte eine hemmungslose Kriegshysterie, und dem
Kriegseintritt der USA stand kein Hindernis mehr entgegen." [6]
Aber man braucht nicht so weit in die Geschichte zu schweifen, um
nach Propagandabeispielen zu suchen. Die Nahostkonflikte der letzten
Jahrzehnte sind voller davon. Die regierungsfreundliche
Medienpropaganda der heutigen Zeit hat einen Namen: "Saddam
Hussein". "Eine vage Vorstellung von dem, was [mit dem Medienrummel]
möglich ist, wurde uns 1990/91 vermittelt, als Saddam Hussein im
Bewusstsein der Amerikaner eine plötzliche Verwandlung erfuhr: Aus
einem obskuren Beinahe-Verbündeten, dem man Rohstoffe,
High-Tech-Geräte, Waffen und sogar geheimdienstliche Satellitendaten
überließ, wurde ein geiferndes Ungeheuer, das [eine ehemalige
Irakprovinz Kuwait und den Rest der] Welt bedrohte." [7] Der
Irakkrieg und die Anschläge vom 11. September sind das jüngste
Beispiel, wie Kritiker zu antipatriotischen Schurken abgestempelt
werden. Ganze Länder, die Bedenken äußerten, wurden auf die Liste
der "Schurkenstaaten" gesetzt. "Wer nicht mit uns ist, ist gegen
uns", postulierte die Regierung Bushs in ihrer biblisch-archaischen
Schwarzweißmalerei. Wer Kritik übte, war jetzt nicht einfach
Nörgler, sondern mutierte gleich zum Feind. Ein Land im
Ausnahmezustand braucht keine Kritiker, sondern Patrioten. Die
größten Medienanstalten des Landes zählten sich zu den letzteren.
Angst ist der Motor jeder Propaganda. In Nazi-Deutschland
fürchtete man sich vor Juden, in Sowjetunion vor dem "amerikanischen
Aggressor" und in Amerika wiederum vom "Reich des Bösen" - der
UdSSR. Man fürchtet sich vor Einwanderern, vor Angehörigen
ethnischer Minderheiten, vor Menschen mit einem anderen
Melaningehalt und vor Männern mit buschigen schwarzen Bärten. Wenn
die Propaganda diese Angst nicht weckt, so heizt sie sie auf.
Das jüngste Beispiel, wie rasch sich mit staatlich unterstützter
Propaganda ein Krieg mobilisieren lässt, ist der Irakfeldzug. Die
Regierungslüge wurde geschickt medienwirksam in die Szene gesetzt
und einstimmig von großen Medienanstalten an den Mann gebracht, dass
ein kleines, vom Wirtschaftsembargo ausgelaugtes Land, das über
9.000 Kilometer weit lag, ein Land wie USA bedrohen könnte.
Patriotisch und im Namen der Freiheit zog die stärkste Armee der
Welt gegen eine Handvoll demotivierter Soldaten und Zivilisten ins
Feld. Als die Bürger Amerikas mit Hilfe kritischer Stimmen aus
Europa endlich erkannten, dass sie von der eigenen Regierung an der
Nase herumgeführt wurden, war es bereits zu spät: Die Zustände im
Land gerieten völlig außer Kontrolle.
Fernsehen - schleichende Gehirnwäsche
Die suggestive Wirkung von Bildern kann mit Leichtigkeit eine
kollektive Bewusstseinsveränderung bewirken und eine scheinbare
Einheitsmeinung erzeugen. Man sollte dies nicht sofort als
konspirative Verschwörungstheorie abtun und gleich an politische
Zensur und totalitäre Ideologien denken. Die Manipulation von
Bildern wird in den Medien schon lange bewusst oder unbewusst
praktiziert. Es gibt eine große Palette an Möglichkeiten, etwas
"richtig in Szene zu setzen" und jemand in einem "besseren oder
schlechteren Licht" darzustellen, mit einer gekonnten
Schnitttechnik, geschickter Kameraführung und euphonischer Vertonung
jemand glaubwürdig darzustellen oder dessen Glaubwürdigkeit ins
Gegenteil zu verkehren.
Diese Palette ist wirklich reichhaltig. Wer merkt schon einen
bewussten, politisch oder wirtschaftlich motivierten
Manipulationsvorgang, wenn man nur eine begrenzte Themenauswahl zu
sehen bekommt, politische Gegner ausgeklammert, statistisch gesehen
weniger ausgestrahlt oder wichtige Passagen aus dem Kontext
ausgelassen und gekürzt werden? Denkt man dabei gleich an
undemokratische Methoden? [10] Ebenfalls fällt es dem
durchschnittlichen Publikum selten bewusst auf, wenn große Medien
künstliche Prioritäten aus redundanten Nachrichten schaffen, die von
lokalen Heftchen aufgegriffen und verbreitet werden, wenn die
Sendungen mit Musik und Geräuschen 'untermalt' werden, um 'richtige'
Stimmung zu erzeugen, die plakative Titelgebung schon im Vorfeld
eine Meinung festlegen, Personen durch die Kameraführung kompetent
und heldenhaft oder tollpatschig und unglaubwürdig dargestellt
werden. [10] Der richtige Hintergrund, ein ausgewähltes Publikum,
Licht und Farben wecken, unterstreichen und steuern die Emotionen.
Das ist das eigentliche Problem. Es geht nicht um Vermittlung von
Informationen, sondern um die Befriedigung der Sinnesreizen und
Schaffung von Gefühlen. Der Fernsehzuschauer soll das Geschehene
nicht differenziert objektiv wahrnehmen, sondern fühlen.
Medienwirksame Terroranschläge bewirken einen plötzlichen Umschwung
politischer Wahrnehmung in der Bevölkerung, die einige politische
Gruppen mit Hilfe von Medienanstalten noch weiter anheizen und
unpopuläre Bekenntnisse wieder lebendig werden lassen. "Fernsehen
wirkt dann als Gedankenmanipulation höchsten Grades. Obwohl es die
Menschen ja eigentlich als einen relativ freiwilligen Vorgang
wahrnehmen." [11]
Wenn es möglich ist, in kürzester Zeit die Meinung von Millionen
Menschen beeinflussen zu lassen - und das wird stets vor den Wahlen
mehr als deutlich -, wie können wir dann sicher sein, dass solch ein
Machtinstrument nicht in falsche Hände gerät? Das Fernsehen ist ein
Machtwerkzeug derjenigen, die die Fäden in der Hand halten, denn
jeder kann durch das Medium Fernsehen erreicht werden (Pierre
Bourdieu). Schon die Römer wussten, den unzufriedenen Mob mit
pompösen "Brot und Spielen" bei Laune zu halten, um gleichzeitig
Steuern zu erhöhen oder die Bürgerrechte zu beschneiden. Wie die
Nazis die Propagandamaschinerie zur Verbreitung ihrer
menschenverachtenden Ideologie einsetzten, müsste darüber jeder
bestens im Bilde sein. In unserer multimedialen Gesellschaft ist die
Manipulation von Bildern und Filmdokumenten beinahe ein Kinderspiel,
so dass "eine Umformung des gesellschaftlichen Gedächtnisses [ohne
weiteres] möglich [zu sein] scheint, auch ohne dass sich die
Geheimpolizei besonders darum kümmert." [7]
Nur wenige wären bereit, ihr Fernsehgerät aus ihrem Haushalt zu
verbannen, mich eingeschlossen. Neben Konsumpredigten,
exhibitionistischen Schlüssellochsendungen und sonstigem sinnlosen
Sendeinhalt gibt es auch wertvolle Beiträge, die dem Medium
Fernsehen eine Existenzberechtigung in meinen Wohnräumen erlauben.
Das Schlüsselwort ist dabei Medienkompetenz - ein selektives
Aussieben der Unterhaltungsflut, eine Medienmündigkeit der Bürger.
Die quantitative Flut der Botschaften aus der Werbung und
inhaltslosem Entertainment, denen wir nicht ohne weiteres entfliehen
können, darf nicht Überhand über unsere Empfindungen gewinnen, unser
Willen beeinflussen und uns eine Meinung aufprägen. Insbesondere
jene, die viel Fernsehen konsumieren - also Kinder und Jugendliche
-, sind der Macht der Bilder schutzlos ausgeliefert. Unter
Berücksichtigung, dass die jüngere Generation teilweise bis zu 8
Stunden täglich das Fernsehen konsumiert, kommt dabei heraus, dass
die Heranwachsenden bis zum 18. Lebensjahr etwa 1 Mio. Werbespots zu
sehen kriegen. Dies kann nicht ohne Folgen an die Denkgewohnheiten
bleiben.
Die langsame Unterwanderung der Werte, Überschreitung immer neuer
Grenzen und die Schaffung eines einheitlichen Konsens in gewissen
Rahmen (Mode, Musik, Schönheitsideal) läuft auf Strukturen hinaus,
die man zurecht als Gehirnwäsche bezeichnen könnte. Denn die
Gehirnwäsche ist ein langsam ablaufender, schleichender Vorgang.
Niemand, der manipuliert wird, fühlt sich manipuliert.
Fernsehen und Gewalt
"Ein extraterrestrisches Wesen, das gerade auf der Erde gelandet
ist und sorgfältig untersucht, was wir hauptsächlich unseren Kindern
im Fernsehen, im Radio, im Kino, in Zeitungen, Zeitschriften, Comics
und vielen Büchern vorsetzen, könnte leicht zu der Schlußfolgerung
gelangen, daß wir ihnen Mord, Vergewaltigung, Grausamkeit,
Aberglauben, Leichtgläubigkeit und Konsumdenken beibringen wollen."
[7] "Die Massenmedien suggerieren vielen Menschen, dass Erfolg und
Wohlstand schnell und einfach zu haben sind. Uns wird immer wieder
erzählt, dass Wohlstand hauptsächlich davon abhängig ist, zur
rechten Zeit am rechten Ort zu sein und nicht davon, der
Gemeinschaft etwas von Wert beizusteuern. Fachwissen und harte
Arbeit wurden durch Lotterien, Glücksspiele, Börsenspekulationen,
Hollywood, Sportstars, Fernsehspielshows usw. abgewertet [...] So
glauben heute viele Menschen, einen Anspruch auf Wohlstand zu haben,
so dass sie sich betrogen fühlen, wenn sie nicht erfolgreich sein.
[sic]" [9]
Der angestrebte Zustand des Erfolgs bleibt gesetzmäßig nur den
wenigsten vorbehalten. In Zeiten der Globalisierung, des mäßigen
Wirtschaftswachstums und Hartz IV lässt schnell im Hintergrund
illusorischer Bilder Wut entstehen, die sich aus biologischen und
sozialbehavioristischen Gründen vor allem bei Jugendlichen
manifestiert. Sie fühlen sich als Verlierer.
Das Ansteigen der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen allein
auf den übermäßigen Fernsehkonsum zurückführen zu wollen, sollte
natürlich mit Vorsicht vorgetragen werden. Ein komplexes
gesellschaftliches Verhalten ist nie monokausal. Dennoch zeigen
Untersuchungen, dass der Trend in die Richtung geht, dass
Gewaltdarstellungen im Fernsehen gegen Gewalt desensibilisieren und
aggressives Verhalten fördern. Die meisten Langzeitstudien führen
ebenso zu diesem Ergebnis.
Auch Vergleichsstudien an Tieren belegen diese These, dass die
Darstellung der Gewalt sie gegen die Gewaltanwendung
desensibilisiert. Im Gehirn gibt es Moleküle zur Unterdrückung der
Aggression (Gamma-Amino-Buttersäure und Serotonin). Wie die
Untersuchungen an Laborratten zeigen, beruhigen sich aggressive
Tiere, wenn man ihnen eine Dosis dieser Chemikalien zuführt.
Friedvolle Ratten werden im Gegenzug aggressiver, wenn der Gehalt
dieser Neurotransmitter sinkt. "Wenn eine Ratte damit beschäftigt
ist, andere Ratten bei Gewalttätigkeiten zu beobachten - etwa beim
Töten von Mäusen -, dann sinkt bei ihr das Niveau der hemmenden
Gehirnchemikalien ab. [...] Sie wird nun leichter selbst
Aggressionen begehen, und zwar nicht nur gegen Mäuse. Ihre
unterdrückten Aggressionsneigungen sind enthemmt worden. Auch die
aller anderen Ratten in der unmittelbaren Umgebung. Feindseligkeit,
die bei verschiedenen Individuen jeweils unterschiedlichen Ausdruck
findet, kann sich schnell in der ganzen Gruppe ausbreiten. [...]
Gewalttätigkeit ist ansteckend." [12]
Ist dieses Verhalten auch auf den Menschen übertragbar? Eine
klare Aussage ist insofern schwierig, weil Langzeitstudien aufgrund
der starken Verbreitung des Mediums Fernsehen nahezu unmöglich sind.
Nahezu. Einer Forschergruppe [14] gelang es jedoch, eine kleine
Stadt in Kanada aufzuspüren, in der bis 1973 aufgrund ihrer
geografischen Lage kein Fernsehen gab. Um die Anonymität zu wahren,
gab man der Stadt der Namen Notel ("no television"). In zwei
benachbarten Orten, die als Kontrollgruppen dienten, gab es bereits
Fernsehen. Seit sieben Jahren in der Stadt Unitel mit nur
einem Kanal und seit fünfzehn Jahren in der Stadt Multitel
mit vier Kanälen. Zwei Jahre nach der Einführung des Fernsehens in
Notel werteten die Medienforscher ihre Ergebnisse aus:
Innerhalb dieser Zeit seit de Beginn der Studie verdoppelte sich bei
den Schulkindern in Unitel die verbale Aggression, die
körperliche Gewalt verdreifachte sich, während das Aggressionsniveau
in den Kontrollorten konstant blieb. [13]
Die Annahme, dass visuelle Medien Gewalt fördern, lässt sich
jedoch nicht auf die Gewaltdarstellungen allein zurückführen,
sondern auch auf die Machtlosigkeit jedes einzelnen, ein Stück von
dieser glamourösen Welt zu erleben, auf die wir, wie wir das vom
Fernsehen vermittelt bekommen, einen Anspruch haben. Der
spielerisch-leichte Reichtumserwerb in Kombination mit Gewalttaten,
wenn in Filmen etwa Bankräuber mit wertvoller Beute entkommen (Ocean’s
Eleven, Verlockende Falle und andere Heist-Movies), verwischen die
Fiktion und Realität, die Kriminaltaten wie Diebstall und
Raubüberfall werden als Kavaliersdelikte dargestellt. Gesundheitlich
folgenlose Prügelszenen lassen die Hemmschwelle zur
Gewaltbereitschaft weiter sinken.
Schlusswort
Mit Geboten und Verboten lässt sich die Medienlandschaft kaum
beeinflussen, da die Fernsehanstalten über eine ungeheuere
marktwirtschaftliche Macht verfügen. Mit ihrer Funktion als
Sprachrohr der Gesellschaft haben sie eine große Verantwortung zu
tragen, die jedoch im Schatten wirtschaftlicher Interessen
ausgeblendet wird. Die Möglichkeit, etwas verändern zu können, liegt
somit bei jedem Einzelnen. Und sie heißt Medienkompetenz. Wenn sie
bereits im frühen Kindesalter erlernt wird, dann kann auch das
niveauloseste Programm keinen Schaden in der Gesellschaft anrichten.
Ich gebe zu, es klingt utopisch. Dennoch sollte dieses Ziel
angestrebt werden. Ein demokratischer Staat braucht mündige Bürger,
die aus der Bilderflut das Wichtigste herauszufiltern vermögen, die
sich in Kritik üben und die in der Lage sind, eigene, objektive
Meinung zu bilden.
[1] Wir amüsieren uns zu Tode,
Neil Postman, Fischer Tb, Frankfurt 2003
[2]
Langzeitstudie: Deutsche verbringen 7,5 Stunden täglich mit Medien
(Innovationsreport)
[3]
Fernsehen und Gesellschaft: Wie das Fernsehen unsere Welt verändert
[4]
Sehen, was kommt (Die Zeit)
[5]
Rheinischer Merkur
[6]
Noam Chomsky: Warum die Mainstreammedien "Mainstream" sind (Znet)
[7] Der Drache in meiner Garage, Carl Sagan, Knaur
2000
[8] Ergebnisse der PISA-Studie 2
[9]
MLM Pyramidensysteme für Frauen
[10]
Macht und Manipulation der Medien
[11]
Fernsehen ist heilbar!
[12] Schöpfung auf Raten, Carl
Sagan & Ann Druyan, Droemer Knaur, 1993, Ulm
[13]
Fernsehen und Gewalt, Studien und Forschungsergebnisse
[14] Williams-Studie ("The Impact of Television")
[15]
Wirklichkeit oder Tableaus? Eine Diskussion darüber, wie das
Fernsehen die soziale Realität abbilden kann (Kulturzeit)
[16]
Deutschland von unten (III) Das Leben vor und in der Glotze (Sueddeutsche.de)
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