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Gastbeitrag: Dr. Norbert
Gasch
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5. Anmerkungen
Die Untergangs-Visurmarken des Orion und des Sirius sind dabei
außerdem von diesem eigenartigen Schiffchen eingefaßt, was
zusätzlichen Indiziencharakter erlangen könnte. Traten diese Sterne
eine Reise über das Wasser an? Mit anderen Worten: lag im Westen das
Meer?
Der Umstand, daß die beiden jüngeren Goldbögen praktisch im
rechten Winkel zu der älteren Sichtweise angebracht sind, erklärt
sich technisch aus der Präsenz eben dieses Schiffes am unteren
Scheibenrand. Die Bögen sollten wohl unter möglichstem Erhalt der
bisherigen Substanz zugefügt werden, nachdem die Scheibe nach
Germanien kam, von wo aus die alten Visurmarken keinen Sinn mehr
ergeben.
Letztendlich bildet die Himmelsscheibe also durchaus Sterne ab,
nur anders, als wir es heute gewohnt sind.
Und wozu kann die Scheibe gedient haben?
Sie könnte einen allegorischen Schmuck darstellen, etwa wie der
Sonnenwagen von Trundholm (liegt übrigens bei 56 Grad Nord)
oder die Goldhörner von Gallehus, die beide ebenfalls
astronomisch motiviert erscheinen (wenn auch viel später
entstanden), aber keine vergleichbare Fülle von Informationen
hergeben.
Für ein Schmuckstück erscheint die Scheibe aber andererseits
geradezu profan frei von jeder Ornamentik, sieht man von dem
Schiffssymbol einmal ab. Sie könnte also pragmatischen Zwecken
gedient haben. Einer wäre es, astronomische Grunddaten zur Mondwende
und des Sternazimuten mit auf Reisen zu nehmen. Immerhin ist die
Scheibe klein genug, um noch recht bequem (und unauffällig) getragen
werden zu können, andererseits ist sie groß genug, um die nötigen
Winkel in akzeptabler Genauigkeit festzuhalten. Vielleicht ist die
Scheibe eine astronomische Botschaft und diente dazu, anderen
Beobachtungsstandorten die Sternazimute und Mondwendenlagen
mitzuteilen. Da es sicherlich einen Informationsaustausch entlang
von Handelsrouten gab, wird man sich vermutlich gewundert haben, daß
sich die Azimutwerte der Sterne sich mit der geographischen Breite
aber nicht der Länge ändern. Für jemanden, der an eine flache Erde
glaubt, die der Himmel umkreis, ist das ein echtes Problem.
Nicht zuletzt suggeriert die Fülle möglicher astronomischer
Inhalte auch in einigen Fällen ein gewisses Mißtrauen. Kann es sein,
daß die Scheibe eine rezente Fälschung darstellt? Sie muß nicht auf
die Grabräuber selbst zurückzuführen sein, die sie 1999 fanden,
sondern könnte schon Jahr-zehnte im Boden gelegen haben. Ein
Auslöser zu einer sogar mit großem Aufwand angefertigten Fälschung
könnten die Bemühungen des SS-Ahnenerbes gewesen sein, in dessen
Umgebung ja fanatisch nach Funden gesucht wurde, die die Größe der
Germanen glorifizieren sollten. Ist die Scheibe also eine Fälschung
auf der Basis astronomischer und materialwissenschaftlicher Daten
aus den 40er Jahren? Wurde irgendein Schwindel installiert und
später nach Kriegsende vergessen?
Vielleicht hört man ja noch davon.
Es soll hier nicht behauptet, daß diese astronomische
Interpretation der Scheibe zwangsläufig die richtige ist, aber sie
erscheint doch im Sinne
Ockhams einfach: sie enthält nur Elemente, die der damalige
Beobachter auch sehen konnte.
(c) Dr. Norbert Gasch
[1] J. Bergmann, „Die
Himmelsscheibe von Nebra“, Parsec 15 (2004), Nr. 2, S. 6-12.
[2] H. Meller, „Die Himmelsscheibe von Nebra - ein
frühbronzezeitlicher Fund von außergewöhnlicher Bedeutung“,
Archäologie in Sachsen-Anhalt, 1/2002, S. 7-20.
[3] H. Meller, „Die Himmelsscheibe von Nebra“,
Sterne und Weltraum 40 (2003), Nr. 12, S. 28-33.
[4] W. Schlosser, „Astronomische
Deutung der Himmelsscheibe von Nebra“, Sterne und Weltraum 40
(2003), Nr. 12, S. 34-40.
[5] A. Wirsching, „Zur Vorstellung
vom Kosmos in der Bronzezeit“, Der Vemessungsingenieur, 2004 Nr. 5,
S. 354-357 und A. Wirsching, „Himmelsscheibe von Nebra“, Der
Vermessungsingenieur, 2005 Nr. 1, S. 28.
[6] E.C. Krupp, „Astronomen,
Priester, Pyramiden“, C.H. Beck Verlag, München, 1980.
[7] J. H. Lieske et al.: Expressions for the
Precession Quantities based upon the IAU (1976) System of
Astronomical Constants; Astronomy and Astrophysics 58 (1977),S. 1-16
und J. L.Simon et al.: Numerical Expressions for Precession Formulae
and Mean Elements for the Moon and the Planets; Astronomy and
Astrophysics. 282 (1994), S. 663-683 sowie Jean Meeus Astronomical
Algorithms, 2. Auflage, William Bell, Richmond Virginia 1998.
[8] Verschiedene persönliche Mitteilungen von
Herrn Dr. Burkard Steinrücken, Planetarium Recklinghausen ab dem 29.
April 2005.
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