Die Wissenschaft hat Beweise ohne Sicherheit, der Kreationismus
hat Sicherheit ohne Beweise.
Ashley Montagu |
Als Charles Darwin 1859 sein Werk „Über die Entstehung der Arten“
veröffentlichte, lief über alle kirchlichen Institutionen eine Welle
der Entrüstung. Die von Darwin erbrachte ketzerische Deszendenztheorie
untergrub die bereits von Galileo ins Wanken geratene Autorität
der Kirche und stellte alles in Frage, was das Alte Testament verkündete.
Die Vorstellung, dass der Mensch, der nach dem Ebenbild Gottes erschaffen
sein soll, in Wirklichkeit "vom Affen
abstammte", war nicht nur blasphemisch, sie griff das mystische
Wesen der Religion an. Aber schon wenige Jahrzehnte später, aufgrund
erdrückender Beweislage für die Evolutionstheorie und nach weiteren
herben Niederlagen, die das bröckelnde Gebäude des biblischen Dogmatismus
mit der Urknall-Theorie und dem Nachweis, dass die Erde ziemlich
genau 4,6 Milliarden statt den biblischen 6 Tausend Jahre alt ist,
völlig zum Absturz brachten, gaben die Kirchen eine ihrer Kernthese
auf, nämlich dass das Evangelium nicht wörtlich, sondern metaphorisch
zu verstehen sei. Die Kirche änderte die Strategie und passte sich
der neuen Weltanschauung an. Sie nahm sogar die neuen wissenschaftlichen
Erkenntnisse erfolgreich in die neue Lehre auf. Nun schuf Gott nicht
nur die Erde, sondern gleich das ganze Universum.
Einige fundamentalistische Anhänger der Genesis, die sich nicht
geschlagen geben wollten und stur an der alten Weltordnung hielten,
erklärten den Naturwissenschaftlern den Krieg. Das war die Geburtsstunde
der Kreationisten, die vor allem in den USA ein breites Betätigungsfeld
fanden. Einen paradiesischen Nährboden zur Keimung des Kreationismus
boten die Südstaaten der Amerika, geschwächt vom Bürgerkrieg und
in wirtschaftlichen Nöten wandten sich die Leute noch stärker als
zuvor der Bibel zu. Der angloamerikanisch-puritanische Lebensstil
hatte einen enormen Einfluss auf die Politik - eine Tradition, die
bis heute anhält. So war es letztendlich der Staat und nicht die
Kirche, die den Kreationismus förderte und dem gesunden Menschenverstand
mit Klagen, Verboten und Gesetzen einen Riegel vorschob.
William J. Bryan, dreifacher Präsidentschaftskandidat, ließ 1919
als erste politische Autorität öffentlich verlauten, der Erste Weltkrieg
sei ein Produkt des Darwinismus. Er behauptete auch, die Darwin-Lehre
zerstöre die Demokratie und Christenheit und sei Schuld an Verbrechen,
da sie zum Vertrauensverlust in die Bibel führe. Bryan führte landesweite
Kampagnen durch, in denen er sich für den Verbot der Evolutionstheorie
an den Schulen einsetzte. Er fand zahlreiche Anhänger, die mit größter
Hingabe gegen die Darwin'sche Theorie vorgingen. Mit Erfolg. Ende
der zwanziger Jahre wurde die Evolutionstheorie an öffentlichen
Schulen in mehr als zwanzig Bundesstaaten entweder zur Irrlehre
abgestuft oder ganz verboten.
Fast vierzig Jahre lang triumphierte Rückständigkeit über der Vernunft,
bis 1968 der Oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten das
Anti-Evolutionsgesetz von Arkansas aus dem Jahre 1928 für verfassungswidrig
erklärte. Erst in den siebziger Jahren fand die Evolutionstheorie
nach und nach wieder Einzug in die Biologiebücher jener Staaten,
in denen sie aus den Lehrplänen ausgeschlossen oder geächtet war.
Kreationisten fühlten sich erneut ihres Rechts auf Religionsfreiheit
beraubt. Wenn der Darwinismus schon nicht gänzlich aus dem Unterricht
verbannt werden konnte, so wollten sie zumindest eine gleichwertige
Stellung der Schöpfungslehre neben der Evolutionstheorie durchsetzen.
Da es in den Vereinigten Staaten keinen Religionsunterricht gibt,
sahen die Kreationisten den einzigen Ausweg darin, ihre Lehre als
Wissenschaft auszugeben. Wenn die „Creation Science“ – wie sie sich
fortan nannten, als neue, fundierte Wissenschaftsdisziplin durchging,
dann würde es sehr schwierig werden, ihr den Einzug in die Schulbücher
zu verwehren. Auf Druck der Kreationisten erließ 1969 das Kalifornische
Bildungsministerium eine neue Richtlinie, nach der die Genesis als
gleichberechtigte Alternative zur Evolutionstheorie in öffentlichen
Schulen gelehrt werden müsse. Dies hatte zur Folge, dass die Evolution
neben der Genesis in einer Reihe der Schulbücher hinterrangig dargestellt
und zunehmend verdrängt wurde. „Der Index der Ausgabe 1973 von "Biology:
Living Systems" gab siebzehn Seitenreferenzen, der Index der
Ausgabe 1979 gab nur noch drei Zeilen für den Eintrag "Evolution"
an“. [1]
Von den zunehmend einflussreicheren Bibelanhängern wurde 1970 in
San Diego, Kalifornien das Creation
Science Research Center gegründet – ein Institut der Genesisforschung,
kunstvoll verborgen unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Heute
ist die Einrichtung zur Hochburg der Bibelfundamentalisten geworden
mit eigener Hochschule und Bibliothek, einer Radiostation und einem
"Museum
of Creation and Earth History", einem Konferenzzentrum
und einer Versandzentrale, die mit dem Verkauf biblisch-naiven Propagandamaterials
Millionenumsätze erzielt. Diese „Krieger für den Glauben“ – so John
D. Morris, Leiter des ICR, werden jährlich um ca. 25 Nachwuchstalente
bereichert, die an der eigenen Hochschule den Magistertitel erhalten.
„Als die kalifornische Schulbehörde Anfang der 90er Jahre die Wissenschaftlichkeit
der Abschlüsse des ICR anzweifelte, wurde sie per Gerichtsurteil
zu einer Entschädigungszahlung von 225.000 Dollar verurteilt.“ [2]
Die Wissenschaftler am ICR tüfteln in ihren Labors an empirischen
Beweisen für die Genesis. Das Institut finanziert sogar Expeditionen
zum Berg Ararat, wo die Kreationisten die Überreste der Arche Noah
vermuten. „Zehntausende kreationistische Wissenschaftler, hunderte
kreationistischer Organisationen - das zeigt doch, dass die Mehrheit
der Leute hier in Amerika an die Schöpfung glaubt“, sagt John D.
Morris.
Der Kreationismus ist in der Tat auf dem Vormarsch. „1995 wurden
Schulbücher in Alabama mit Aufklebern versehen, die darauf hinweisen,
dass die Evolution ‚eine umstrittene Theorie ist, die nicht als
Tatsache angesehen werden darf’. In Kentucky müssen Buchseiten zum
Thema ‚Urknall’ verklebt werden. Lehrer in Louisiana und Arizona
sind gehalten, vor Lektionen über Darwins Lehre Warnungen zu verlesen.
In Georgia wurde das gesamte Kapitel "Über die Entstehung des
Lebens" aus den Grundschulbüchern entfernt. Auch in Illinois,
New Mexico, Texas und Nebraska versuchten die Schulbehörden, die
Evolutionstheorie aus den Schulbüchern verschwinden zu lassen.“
[2]
Kreationisten sind davon überzeugt, dass die Darwin-Lehre die Gesellschaft
ins Verderben treibe und sei „verantwortlich für so ziemlich alle
Übel dieser Welt - Kriminalität, Drogen, Abtreibung oder Scheidungsraten.“
[2] Wohingegen die Creation Science für „gute
Regierung, echtes Familienleben, wahre Wissenschaft“ steht. [2]
Die „gute Regierung“ begrüßt natürlich diese Thesen und weiß sie
zu würdigen. Zu diesem Aufschwung der Bibelwissenschaft verhalf
in den achtziger Jahren kein geringerer als der Präsident der Vereinigten
Staaten Ronald Reagan. In seinen politischen Programmen setzte er
sich dafür ein, dass neben Darwin an staatlichen Schulen auch die
biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt werden müsse. Aber auch die
gegenwärtige konservative Regierung Bushs liefert den Kreationisten
moralische Unterstützung und vertritt die Auffassung der Gleichberechtigung
der Genesis und des Darwinismus.
Die Umfragen zeigen, dass die Zahl der Kreationismus-Anhänger in
den Vereinigten Staaten nahezu die Hälfte der Bevölkerung beträgt
(siehe auch: wissenschaftlicher
Analphabetismus). 1982 waren es 45 Prozent, 1999 47 Prozent.
Fast „ein Viertel der College-Absolventen glaubten daran, dass Gott
den Menschen innerhalb der letzten 10.000 Jahre in seiner heutigen
Gestalt erschaffen habe.“ [3] Mehr als 90 Prozent
bezeichnen sich als gläubig.
„1999 beschloss die Schulbehörde von Kansas, dass die Evolutionstheorie
nach Darwin nicht mehr gelehrt werden müsse. Sie folgte damit der
Meinung religiöser Gruppen, die argumentierten, die Evolution sei
'nicht beweisbar'. Schulen wurde es freigestellt, ob sie Urknall,
Evolution und die Abstammung des Menschen im Unterricht behandeln
oder weglassen wollten.“ [4]
Mitte 2001 wurde der Beschluss wieder zurückgenommen, aber der
Fall beweist, dass religiöse Fanatiker die Demokratie und Freiheit
nicht nur von außen bedrohen können. Auch aus eigenen Reihen entspringen
genug "Gotteskrieger", die die Bildung, den Fortschritt
und den freien Geist am liebsten in die tiefste Rückständigkeit
zurückbefördern und mit Dogmen zupflastern würden.
Die katholische Kirche distanzierte sich übrigens öffentlich von
den Kreationisten. Im Oktober 1996 erklärte der Papst Johannes Paul
II, dass die Evolutionstheorie nach Darwin mit der christlichen
Lehre vereinbar sei.
Das behaupten die Kreationisten: mehr...
siehe auch: Wissenschaftlicher
Analphabetismus - Ergebnisse der Bundesstiftung zur Förderung der
Wissenschaften
Quellen:
[1] Geschichte
des Kreationismus in den USA
[2]
Die gläubige Nation
[3]
Gott am Hintereingang seiner Schöpfung
[4]
Der Kreationisten-Hammer
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