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Geld regiert die Welt, lautet eine bekannte Binsenweisheit, und wir
stimmen dem zu, vielleicht widerstrebend, aber es lässt sich nicht
leugnen. In der Marktwirtschaft gibt es für alles einen Wert und
einen Preis. Und der Wert einer Sache wird üblicherweise in einer
Währung bemessen, die im Volksmund Geld genannt wird. Der Marktwert
für ein Tauschgut hängt von mehreren Faktoren ab, die hier
aufzuzählen nicht die Aufgabe dieses Artikels ist. Im Wesentlichen
bildet den Wert einer Ware eine bestimmte Menge Ausgangsmaterial,
die aus einem Äquivalent von billiger Energie und teuerer
Menschenkraft zu einem Gebrauchsgegenstand manifestiert. Das Weitere
regeln Angebot und Nachfrage. Während wir die Sachgegenstände rein
subjektiv nach dem persönlichen Nutzwert bewerten und die
Lebensmittel ebenso subjektiv nach ihrem Geschmack, so gibt es
dennoch einen grundlegenden Unterschied: die sagenumwobene Vitamine.
Auch wenn die Anzahl der Vitamine sich nicht zwangsläufig im Preis
niederschlägt, hängt der wirtschaftliche Erfolg eines Produkts oft
von der Menge der darin enthaltenen Vitamine ab. Wer kennt nicht die
typischen Werbeslogans von den Cerealien und der "extra Portion
Milch", den Vitamin C enthaltenen Bonbons, die man ab besten in
doppelter Menge nimmt, und dem Drink aus der Miniflasche, der die
Abwehrkräfte aktivieren soll?
Nichts scheint in der heutigen Zeit begehrter und mythenumwobener
zu sein als Vitaminpräparate in Form von Nahrungsergänzungsmitteln,
Vitamincocktails und Vitaminpillen. Von der Werbung und unkritischen
Medienberichterstattungen mit erkältungsvorbeugenden Eigenschaften
belegt, als Anti-Aging-Jungbrunnen angepriesen und sogar als krebs-
und herzinfarktvorbeugend propagiert. Vitamine als das Mittel
schlechthin. Dieser Artikel soll mit Vorurteilen und Legenden um die
Vitamine aufräumen.
Was sind Vitamine?
Der Name Vitamin ist ein Kunstwort aus dem lateinischen Wort
vita für "Leben" und dem Kurzwort Amin, das seinerseits
aus "Ammoniak" abgeleitet wird. Geprägt wurde die Bezeichnung 1912
von dem polnisch-amerikanischen Biochemiker Casimir Funk. Vitamine
sind niedrigmolekulare organische Verbindungen unterschiedlicher
chemischer Form. Sie dienen als Katalysatoren und spielen somit beim
Stoffwechsel von Lebewesen eine wichtige Rolle. Weder der Mensch
noch die Tiere sind in der Lage, Vitamine zu synthesieren bzw. in
nicht ausreichender Menge. Deswegen müssen sie die Vitamine mit der
Nahrung aufnehmen. Hauptlieferanten für die Vitamine sind Pflanzen.
Einige der Vitamine können auch bei dem Verdauungsvorgang durch die
Darmflora gebildet werden. Längere Aufnahme der Nahrung ohne
zugesetzte Vitamine hat spezifische Vitaminmangelerscheinungen zur
Folge (Hypovitaminose). Im Umgekehrten Fall können bestimmte, vor
allem fettlösliche Vitamine, unerwünschte toxische Wirkungen zeigen
(Hypervitaminose).
Bis heute sind 13 Vitamine und einige
Provitamine bekannt. Sie werden ihrer Funktion nach in zwei
Gruppen aufgeteilt: die Vitamine A, D, E, K als sog. fettlösliche
Vitamine und die Vitamine der B-Gruppe und das Vitamin C als
wasserlösliche Vitamine. Während wasserlösliche Vitamine schnell vom
Körper ausgeschieden werden und täglich mit der Nahrung zugeführt
werden müssen, werden fettlösliche Vitamine in der Leber
gespeichert.
Können Vitamine Erkältungen vorbeugen und gar Krankheiten
heilen?
Heutzutage preist die Lebensmittelindustrie ihre Produkte nach
der Anzahl und der Menge der natürlichen oder synthetischen
Vitamine. Ob Süßigkeiten, Joghurt oder Brotaufstrich. Überall finden
wir Vitamine. Moderne Lebensmittel sollen schlank und intelligent
sein, energiearm und gesund. Mit Vitaminen angereicherte Bio-Drinks
sollen unsere "Darmflora fördern" und uns vor Erkältungen schützen.
Verspricht hier die Werbung nicht zu viel?
Einige Vitamine, und vor allem das Vitamin C, besitzen in der Tat
erkältungsabwehrende Eigenschaften. Aber wie bei so vielem, gilt
auch hier die Feststellung des Paracelsus: "Die Menge macht das
Gift." Während die wasserlöslichen Vitamine bei einer Überdosierung
relativ schnell aus dem Körper ausgeschieden werden, werden die
fettlöslichen Vitamine im Körper gespeichert. Unzählige Studien
belegen, dass die Vitamine bei einer Überdosis ihre Wirkung umkehren
können, d.h. dass ähnliche Symptome wie bei einer Mangelerscheinung
auftreten. Des weiteren können hohe Vitamindosen Allergien
verursachen, das Immunsystem schwächen, die Bildung der Nierensteine
begünstigen und sogar Krebs fördern. Von krebshemmenden
Eigenschaften, wie sie vor allem diverse
Multi-Level-Marketing-Kreise mit ihren höchst skurrilen Produkten
(ohne hier Ross und Reiter zu benennen) anpreisen, kann also nicht
die Rede sein. [1]
In keinen ernstzunehmenden Studien wurden statistische
Zusammenhänge zwischen der erhöhten Einnahme von Vitaminen und einem
Rückgang von Erkältungskrankheiten belegt, trotz der Behauptungen
der Wellness-Jünger, der Lebensmittelindustrie und den einschlägigen
Vertriebsnetzwerken.
Benötigen wir zusätzliche Vitamine?
Vitaminmangel entsteht bei extrem einseitiger oder unzureichender
Ernährung und betrifft vor allem die Länder der Dritten Welt mit
ihren typischen auf Vitaminmangelerscheinungen beruhenden
Erkrankungen wie Skorbut, Rachitis und Beriberi. Interessant ist
auch der Umstand, dass viele pflanzliche Präparate mit nachgesagtem
hohen Vitamingehalt, die meistens durch aggressiv auftretende
Vertriebsnetzwerke als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben werden,
aus den Ländern der Dritten Welt stammen. Glaubt man den
Behauptungen vieler MLM-Netzwerke über die Wirkung solcher
Vitaminpräparate, müssten die Menschen der Dritten Welt kaum
Krankheiten kennen und mit einer enorm hohen Lebenserwartung
gesegnet sein. Dass eigentlich das Gegenteil der Fall ist, braucht
hier nicht weiter erläutert zu werden.
Tatsache ist, dass bei gesunder, ausgewogener Ernährung der
tägliche Vitaminbedarf eines Westeuropäers vollkommen gedeckt ist.
Und wenn vereinzelt Vitaminmangelerscheinungen auftreten, dann
"meist [als] Folge von Alkoholismus, extrem einseitiger Ernährung
oder strengen Diäten." [2] Jedoch auf keinen Fall
als umsatzbezogene, bis zur Panikmache gesteigerte ideologische
Propaganda einiger in der Grauzone agierender Geschäftsmacher. Bei
der heutigen Ernährungsweise ist die Angst vor einer
Vitamin-Unterversorgung weitgehend unbegründet. [3]
Teuere Vitamincocktails sind nicht nur überflüssig, sondern
können mitunter gefährlich werden, insbesondere bei einer
Überdosierung der Vitamine A und D. Was viele Verbraucher nicht
wissen, dass "Verstöße bei Überschreitung der festgesetzten
Höchstmenge von Vitamin A und D Straftaten sind." [4]
Bevor man sich auf abenteuerliche Erklärungsversuche eines nur an
Profit denkenden MLM-Distributors einlässt, sollte man immer einen
Arzt konsultieren. [5] Ein MLM-Laienverkäufer,
dessen ganze fahliche Qualifikation aus einem zweistündigen
Video-Crashkurs besteht, will und kann auch nicht einen
Vitaminmangel festzustellen. Alles, was er gelernt hat, ist, dass
man unbedingt Mega-Vitamincoctails benötigt. Das will er Ihnen
unbedingt an die Nase binden. Verbreitung der Ideologie und das
Geschäft sind für ihn vom essentiellen Nutzen.
>> weiter: Tabelle der Vitamine
[1]
Medicine-Worldwide
[2]
LIFELINE - Medizin und Gesundheit
[3]
genethik.de
[4]
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
[5] Und die Aussagen sind oft wirklich
abenteuerlich. z.B.:
- Jedes Tier und jeder Mensch, die eines natürlichen Todes
sterben, tun dies aus Vitaminmangel.
- Sie brauchen 90 Nahrungsergänzungsmittel in Form von 60 Mineralen,
16 Vitaminen, 12 Aminosäuren und 3 Fettsäuren, anderenfalls werden
Sie erkranken.
- Vitamine sind in der Lage, Krebs, Kreislauferkrankungen und
destruktive Wirkungen des Alterungsprozesses zu verhindern.
- Nierensteine würden sich aus ihren eigenen Knochen bilden, und das
aus einem Defizit an Kalzium.
- Pflanzen würden keine Mineralen enthalten.
- Naive Stories von angeblichen 150- und 200-Jährigen, die ihr Leben
lang die besagten Nahrungsergänzungsmittel nahmen und dabei tranken
und Zigarren rauchten und trotzdem oder vielleicht deswegen so alt
wurden.
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