Apostelbrüder

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Apostelbrüder


GegründetMitte des 13. Jahrhunderts
UrsprungsortItalien
HauptsatzRadikale Armut, Nachfolge der Apostel und Ablehnung kirchlichen Reichtums
ArtHäresie innerhalb des Mittelalters
Verhältnis zur KircheVon der katholischen Kirche als ketzerisch verurteilt
Bekannte VertreterGerardo Segarelli, Fra Dolcino


Die Apostelbrüder waren eine religiöse Laienbewegung des 13. Jahrhunderts, die sich in Norditalien formierte und nach dem Ideal der apostolischen Armut lebte. Sie entstanden in einer Zeit, in der weite Teile der Bevölkerung die zunehmende Verweltlichung und den Reichtum der Kirche kritisierten. Der Gründer der Bewegung war Gerardo Segarelli aus Parma, ein einfacher Handwerker, der sich vom Vorbild der ersten Apostel inspirieren ließ. Er predigte eine Rückkehr zum einfachen, evangeliumstreuen Leben und rief seine Anhänger dazu auf, in völliger Armut zu leben, auf Besitz zu verzichten und umherzuziehen, um Buße und Umkehr zu verkünden. Die Bewegung nannte sich selbst Apostolici – "die Apostolischen" – und verstand sich als wahre Nachfolger der Jünger Christi, im Gegensatz zur kirchlichen Hierarchie, die sie als korrupt und vom Geist des Evangeliums entfremdet ansah.

Die Lehren der Apostelbrüder stützten sich auf die Idee der völligen Armut und Demut, die sie als zentrale Forderung des Christentums betrachteten. Sie lehnten kirchlichen Besitz, Prunk und Macht ab und sahen in der bestehenden Ordnung eine Abkehr von der wahren Lehre Jesu. Ihre Predigten richteten sich häufig gegen das Verhalten des Klerus und gegen die Institution der Kirche selbst, was sie bald in Konflikt mit den kirchlichen Behörden brachte. Die Bewegung zog zahlreiche Anhänger an, vor allem in den Städten Norditaliens, wo soziale Spannungen und Kritik an der Kirche weit verbreitet waren. Trotz der Nähe zu franziskanischen Armutsidealen distanzierten sich die Apostelbrüder deutlich von den offiziellen Bettelorden, da sie keine kirchliche Anerkennung suchten und ihre Botschaft radikaler formulierten.

Die Kirche reagierte zunehmend feindselig auf die Bewegung. 1286 wurde Gerardo Segarelli vom Inquisitionsgericht in Parma verurteilt, zunächst zu Buße und Haft. Später, als er trotz Verbots weiter predigte, wurde er erneut gefasst und 1300 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nach seinem Tod führte Fra Dolcino die Bewegung weiter. Unter seiner Leitung nahm sie einen noch entschiedeneren Charakter an: Dolcino verband die Idee der apostolischen Armut mit einer scharfen gesellschaftlichen Kritik und einer apokalyptischen Erwartung. Er sah in der bestehenden Kirche das "Babylon der Offenbarung" und rief zu einer radikalen Erneuerung der Welt auf. Die Gruppe um Dolcino verschanzte sich in den Bergen Norditaliens und wurde nach einem militärischen Feldzug 1307 zerschlagen. Dolcino und seine Gefährten wurden gefangen genommen und hingerichtet.

Die Gestalt Dolcinos fand später auch Eingang in die Literatur. Besonders in der italienischen und europäischen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts wurde er als Symbol des religiösen Idealismus, des Widerstands gegen kirchliche Macht und der Suche nach spiritueller Reinheit dargestellt. Sein Schicksal diente mehreren Schriftstellern als Vorlage für historische Romane, in denen der Konflikt zwischen Glauben, Freiheit und Autorität im Mittelpunkt steht.

Die Apostelbrüder gelten als ein Beispiel für die zahlreichen religiösen Reform- und Armutsbewegungen des Mittelalters, die aus innerer Frömmigkeit heraus entstanden, aber von der Kirche als Bedrohung wahrgenommen wurden. Ihre Geschichte verdeutlicht, wie eng religiöser Idealismus und gesellschaftlicher Protest im spätmittelalterlichen Europa miteinander verbunden waren. Obwohl die Bewegung ausgelöscht wurde, blieb ihr Einfluss spürbar – in der Erinnerung an die Forderung nach Einfachheit, Buße und wahrhaft gelebtem Glauben. Die Apostelbrüder zeigen, dass das Bedürfnis nach spiritueller Erneuerung und sozialer Gerechtigkeit innerhalb des Christentums immer wieder zu neuen Bewegungen führte, die zwischen mystischer Hingabe und kirchlicher Verurteilung schwankten.