Unübersetzbarkeit

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Unübersetzbarkeit bezeichnet das sprachwissenschaftliche und übersetzungstheoretische Phänomen, dass bestimmte Wörter, Redewendungen oder kulturelle Bedeutungen nicht vollständig in eine andere Sprache übertragen werden können. Dabei geht es nicht um die bloße Schwierigkeit einer Übersetzung, sondern um den Umstand, dass ein sprachliches oder kulturelles Element in einer Zielkultur kein direktes funktionales oder semantisches Äquivalent besitzt. Unübersetzbarkeit kann auf sprachlichen, kulturellen oder historischen Gründen beruhen. Sie ist ein häufig diskutiertes Thema in der Übersetzungswissenschaft und betrifft sowohl literarische Texte als auch Alltagssprache.

Ursachen

Die Ursachen für Unübersetzbarkeit lassen sich in verschiedene Bereiche einteilen. Ein zentraler Faktor ist die enge Verknüpfung von Sprache und Kultur. Wörter oder Wendungen sind oft Ausdruck spezifischer sozialer Praktiken, Traditionen oder Weltbilder. Ein Beispiel sind Begriffe für Verwandtschaftsbeziehungen, die in einer Sprache feiner unterschieden werden als in einer anderen. Ebenso können historische oder religiöse Kontexte eine Rolle spielen, die in einer anderen Sprachgemeinschaft nicht existieren. Auch grammatische Strukturen können Unübersetzbarkeit erzeugen, wenn bestimmte Formen wie etwa Aspekt oder Höflichkeitsgrade in der Zielsprache nicht vorhanden sind. Ein weiterer Punkt ist die Mehrdeutigkeit, die im Original als sprachliches Mittel genutzt wird, in der Übersetzung aber verloren gehen kann. Somit entsteht nicht selten die Notwendigkeit, Umschreibungen oder erklärende Zusätze einzuführen, die den Charakter des Originals verändern.

Formen der Unübersetzbarkeit

Unübersetzbarkeit kann sich in verschiedenen Formen äußern. Ein häufiger Fall ist der sogenannte Bedeutungsverlust: Ein Wort hat im Original eine zusätzliche emotionale oder kulturelle Färbung, die sich nicht nachbilden lässt. Eine andere Form betrifft Wortspiele und Doppeldeutigkeiten, die stark von Lautstruktur und Mehrdeutigkeit abhängen. Auch idiomatische Redewendungen gehören in diesen Bereich, da sie im wörtlichen Sinn oft unverständlich wären. Schließlich kann Unübersetzbarkeit auch durch gesellschaftliche Unterschiede entstehen, wenn etwa ein Rechtsbegriff oder eine Institution in der Zielsprache keine Entsprechung hat. Der Übersetzer muss in solchen Fällen abwägen, ob er den fremden Begriff übernimmt, ihn erklärt oder durch eine Annäherung ersetzt. Jede dieser Strategien hat Vor- und Nachteile, und es ist umstritten, ob eine vollständige Übersetzbarkeit überhaupt möglich ist oder ob Übersetzungen stets Annäherungen bleiben.

Beispiele

Die folgende Tabelle zeigt einige bekannte Beispiele für unübersetzbare Begriffe:

Sprache Begriff Bedeutung / Besonderheit
Deutsch Schadenfreude Freude über das Unglück anderer; im Englischen oft nur umschreibbar.
Deutsch Weltschmerz Gefühl der Melancholie oder Traurigkeit, das aus der Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit entsteht; im Englischen meist als Fremdwort übernommen.
Portugiesisch Saudade Gefühl der Sehnsucht, verbunden mit Melancholie und Erinnerung; keine direkte Entsprechung.
Japanisch Tsundoku (積ん読) Das Ansammeln ungelesener Bücher; ein kulturell geprägter Begriff.
Russisch Тоска (Toska) Tiefe, schwer beschreibbare Schwermut, die von Langeweile bis zu existenzieller Melancholie reichen kann.
Russisch Chaljawa (Халява) Bezeichnet etwas, das man kostenlos oder mühelos erhält; kulturell konnotiert mit Opportunismus und Glück; oft schwer exakt in andere Sprachen übertragbar.
Französisch Dépaysement Gefühl der Fremdheit, das man in einer anderen Umgebung oder Kultur erlebt.
Inuktitut (Inuit-Sprachen) noq / verschiedene Ableitungen Vielzahl differenzierter Ausdrücke für Schnee; genaue Anzahl abhängig von der Kombination von Wurzeln und Affixen; zeigt die Präzision der Sprache bei Umweltbegriffen.
Isländisch Gluggaveður „Fensterwetter“; schönes Wetter zum Anschauen, aber zu kalt oder ungemütlich, um nach draußen zu gehen.

Rezeption

Das Thema Unübersetzbarkeit wird in Sprachwissenschaft, Übersetzungsforschung und Literaturtheorie seit langem diskutiert. Während einige Autoren betonen, dass jede Übersetzung letztlich eine Form der Interpretation sei, vertreten andere die Ansicht, dass durch geeignete Strategien ein annäherndes Äquivalent gefunden werden kann. In der Literatur wird Unübersetzbarkeit oft als stilistisches Problem hervorgehoben, das etwa bei Poesie oder Wortspielen besonders deutlich wird. In der Praxis spielt sie jedoch auch in der Fachübersetzung eine Rolle, etwa bei juristischen oder technischen Begriffen. Unübersetzbarkeit verweist damit nicht nur auf Grenzen der Sprache, sondern auch auf die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen.