Fluch und Segen des Bilderverbots

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Nahezu seit seiner Entstehung im 7. Jahrhundert ist die islamische bildende Kunst vom Bilderverbot geprägt. Wie in keiner Kultur der Welt förderte das Verbot für die Darstellung von Mensch und Tier die Entstehung und Ausarbeitung von Ornamenten und Arabesken. Sie stehen sinnbildlich für traditionsreiche orientalische Kultur.

Bilderverbot im Islam

Orientalisches Ornament
Von Owen Jones - The Grammar of Ornament by Owen Jones 1910 chromolithographic folio version., Gemeinfrei, [1]
Bilderverbot entstand aus den Auslegungen der islamischen Geistlichen im Verlauf des 8. Jahrhunderts. Der Koran geht nicht explizit auf ein Verbot der Abbildungen von Mensch und anderen Lebewesen ein. Lediglich Gott und sein Prophet dürfen nicht abgebildet werden.

Die ersten schriftlichen Zeugnisse über Bilderverbote tauchten in der kanonischen Hadith-Literatur im späten 8. Jahrhundert auf. Auf den Punkt gebracht, heißt es dort, dass Menschen, die zu Lebzeiten Bilder anfertigten, am Tage der Auferstehung sich vor Gott rechtfertigen müssen. Denn nur Gott hat die Macht, Gestalten zu schaffen und ihnen Leben einzuhauchen. Das Verbot reichte sogar soweit, dass es teilweise nicht erlaubt war, Früchte tragende Bäume abzubilden[1].

Unmittelbar zur Entstehung des Islam um die Zeit der ersten Eroberungen gab es keine religiös begründete Abneigung bezüglich der Darstellung von Lebewesen. Unter dem umayyadischen Kalifen Muʿāwiya I., der zwischen 661 und 680 regierte, waren Münzen mit arabischen Herrschern im Umlauf. Erst unter seinen Nachfolgern verschwanden die Abbildungen der Herrscherköpfe von den Geldstücken. Nach und nach setzte sich das Bildverbot in der islamischen Welt durch. Von wo das Verbot ausging und wann es genau geschah, lässt sich nicht eindeutig bestimmen.

Das Bilderverbot bezog sich weitestgehend auf den sakralen Bereich. Kalifen und wohlhabenden Beamten ließen nicht selten das Innere ihrer Villen nicht nur mit Fresken mit menschlichen Motiven und Jagdszenen ausschmücken, sondern auch mit halbnackten oder ganz unbekleideten Frauen.

Ein beliebtes Motiv der im 13. Jahrhundert zum Islam konvertieren mongolischen Ilchane war "Mohameds Nachreise". Wie in christlichen Motiven war sein Gesicht von einem Heiligenschein oder einer flammenden Aureole umgeben[2]. Aus heutiger Sicht schier undenkbar!

Entwicklung der Ornamentenkunst

Die Entwicklung der ausgefeilten Ornamentenstrukturen, des Rankenornaments Arabeske sowie der kunstvollen kalligrafischen Inschriften geht zweifelsohne auf das Bilderverbot zurück. Die geometrischen Muster der Ornamente sind mehr als nur eine Anordnung von mit Linien verbundenen Vielecken. Sie sind aus komplexen sich wiederholenden vieleckigen oder kreisförmigen Teilflächen aufgebaut, die miteinander verflochten sind und einer lückenlosen und überlappungsfreien Überdeckung der euklidischen Ebene folgen (Parkettierung). Die streng spiegelsymmetrischen Muster, die sich ins Unendliche fortsetzen, in Gänze als eine Einheit wirken und beim näheren Betrachten immer weitere Details offenbaren, erinnern mit ihren selbtsähnlichen Strukturen an Fraktale. Dazu sind mathematische Kenntnisse notwendig, die über das mathematische Verständnis der Antike hinausgingen.

Der islamische Stil geht unverkennbar mit Ornamentenzeichnungen einher. Verwendung fanden Ornamente in der sakralen und städtischen Architektur, in der keramischen Kunst, in den Buchdeckeln und Geweben jeglicher Art. Die Bekanntesten davon sind die orientalischen Teppiche[3].

Bilderverbot in anderen Religionen

Islam ist nicht die einzige monotheistische Religion, in der Bildverbot herrscht. Auch im Judentum und im persischen Zoroastrismus herrscht Bilderverbot.

Im Christentum gab es einige Ansätze, ein Bilderverbot zu erwirken. Zwei ernste Debatten um die Verehrung von Ikonen gab es im byzantinischen Reich während des 8. und 9. Jahrhunderts. Im Folge des Streits spaltete sich die Religionagemeinschaft in zwei Parteien: Ikonoklasten (Ikonenzerstörer) und Ikonodulen (Ikonenverehrer). Nach einigen Jahrzehnten des Bilderverbots wurde der Streit beigelegt und die Ikonenverehrung wiederhergestellt.

Folgen des Bilderverbots

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Pogrome gegen bildliche Zeugnisse aus früheren Epochen oder anderen Kulturen. Dabei wurden unwiderruflich viele Kulturzeugnisse zerstört. Selbst im Christentum im Zuge der Reformation wurden unzählige Schätze in katholischen Kirchen zerstört.

Auch heute noch fallen historische Kulturgüter fundamentalistischen Religionseiferern aus falsch verstandenen Intentionen hinsichtlich des Bilderverbots zum Opfer. So wie die beiden 35 und 53 Meter hohen Buddha-Statuen von Bamiya, die die Taliban im März 2001 gesprengt hat[4].

Quellennachweise

  1. Rudi Paret: Die Entstehung des islamischen Bilderverbots. In: Kunst des Orients. Bd. XI, 1/2 (1976-1977). Franz Steiner Verlag, Wiesbaden. S. 158-181
  2. Freek L. Bakker: The challenge of the silver screen: an analysis of the cinematic portraits of Jesus, Rama, Buddha and Muhammad.. BRILL, 15 September 2009, ISBN 978-90-04-16861-9, S. 207-209
  3. Ornamente der Nomadenteppiche
  4. swr.de, Die Buddha-Statuen von Bamiyan werden rekonstruiert