Galvanismus - vom Dr. Frankensteins Labor zur modernen Medizin

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Im Jahr 2018 nähert sich zum 220. Mal der Todestag des italienischen Arztes und Physikers Luigi Galvani. Am 6. November 1780 entdeckte der italienische Wissenschaftler beim Sezieren eines Froschs, dass das tote Froschgewebe zuckte, als es in Berührung mit Kupfer und Eisen kam. Seine Beobachtungen lösten einen Ansturm von Laborversuchen, Publikationen, philosophischen Neuorientierungen zur Natur des Lebens und kontroverse Debatten über die Ethik eines toten Körpers aus.

Luigi Galvani
Unidentified painter18th-century portrait painting of men, with Unspecified, Unidentified or Unbekannt, artist, location and year. - [1], [2], Gemeinfrei, [3]
Forschung über die Natur und Anwendung des elektrischen Stroms war im 17. Jahrhundert ein sehr innovatives Gebiet. Alessandro Volta forschte an der elektrischen Batterie, Benjamin Franklin erfand den Blitzableiter. In den Jahren 1745/1746 wurde von dem Domdechanten Ewald Georg von Kleist in Cammin (Pommern) und von dem Physiker Pieter van Musschenbroek in niederländischen Leiden unabhängig voneinander die sogenannte Leidener Flasche, der Vorläufer des modernen Kondensators, erfunden.

Bereits antike Wissenschaftler machten sich über die Natur des elektrischen Stroms Gedanken. Galvani folgerte aus seinen Versuchen, allen Lebewesen müsse eine "Tierelektrizität" beiwohnen. Die Elekrizität als solches sei so etwas wie die Lebenskraft, die Grundlage des Lebens.

Den zuckenden Froschschenkeln folgten Versuche mit anderen Tierkadavern. In der Zeit der großen wissenschaftlichen und technischen Entdeckungen war es nicht unüblich, sensationslüsterne Versuche öffentlich vorzuführen. Es folgte eine Welle von Laborexperimenten und öffentlichen Vorführungen.

Viele Ärzte, Anatomen und Naturforscher gaben mit mehr oder weniger serösem Ansatz öffentliche Vorstellungen, bei denen sie kopflose Grillen zum Zirpen oder eine Ochsenzunge zum Zucken brachten. Andere experimentierten mit einer in drei Stücke zerhackten Schlange, deren Teile unter Strom noch zwei weitere Stunden zuckten, einem Hundekörper ohne Kopf oder einem Ochsenkopf. Ein Zeitzeuge schrieb, wie der Kopf "wuterfüllt mit Augen drehte und mit den Ohren schlug". Schwer vorzustellen, welche Wirkung vom zum "Leben" erwachten toten Tieren auf das Publikum hatte. In einer Zeit, als der Glaube an Geist und Seele allgegenwärtig war.

Sensationslust und Unterhaltung nahmen immer makaberere Gestalten an. Die Wirkung des elektrischen Stroms, zumindest auf lebenden Körper, kannte man spätestens seit der Erfindung der Leidener Flasche im Jahr 1754. Die Leidener Flasche bestand aus einem Glasgefäß mit einer Elektrolytflüssigkeit, in dem ein Metallstab steckte. Berührte man den Kontakt, entlud sich augenblicklich die Ladung.

In bizarren Darbietungen unterhielten Wissenschaftler die Öffentlichkeit bis hin zum königlichen Hof, indem man die Leidener Flasche an einer Menschenkette entlud und die Zuschauer sich vor Lachen krümmten, während die Versuchspersonen in wilde Zuckungen verfielen. Die Versuche hörten nicht auf, nachdem 1750 der Nürnberger Mathematiklehrer Johann Gabriel Doppelmayr durch den Stromschlag aus einer Leidener Flasche starb.[1]

Galvanisches Experiment an einer Leiche
Louis Figueir (author) - Houghton Library at Harvard University, Gemeinfrei, [4]
Der italienische Physiker Giovanni Aldini, Neffe von Luigi Galvani, experimentierte mit Stromschlägen an menschlichen Leichen. In einem seiner bekanntesten Experimente kaufte Aldini die Leiche des gehängten Londener Doppelmörders George Forsters. Am 18. Januar 1803 schloss Aldini eine 120-V-Batterie an die Leiche des kürzlich Hingerichteten. Das reglose Gesicht des Toten zeigte plötzlich Regungen. Die Kiefermuskulatur fing an zu zucken und das Gesicht verzog sich so, wie es Lebende unter größten Schmerzen tun. Das linke Auge öffnete sich, als wollte es seinen Peiniger anschauen.[2] Der Leichnam hob die rechte Hand an und ballte die Faust zusammen. Beine und Oberschenkel wurden in Bewegung gesetzt.[3]

So beschrieb ein Zeitzeuge seine Erlebnisse: "Es stellte sich schwere, krampfartige Atmung ein, die Lippen fingen an, sich zu bewegen und die Augen öffneten sich. Das Gesicht des Mörders begann unkontrolliert Grimassen zu formen, sodass einer der Assistenten sein Bewusstsein verlor und im Verlauf einiger Tage unter seelischen Leiden litt." Sein Name war Mr. Pass. Er starb tatsächlich einige Tage später an Folgen des Schocks.[4]

Die meisten Historiker sind sich einig, dass die damals junge Mary Shelley durch solche schaurigen Vorführungen zu ihrem berühmten Frankenstein inspiriert wurde. In Preußen wurden 1803 galvanische Experimente an Hingerichteten auf Veranlassung von Friedrich Wilhelm III. verboten. Dennoch wurde es weiterhin mit Stromstößen an Leichen experimentiert.

Der Begriff Galvanismus wird heute nur im historischen Kontext verwendet. In der modernen Medizin beschränkt sich der Einsatz des elektrischen Stroms auf diagnostische oder kurative Verwendung. Heute ist die Anwendung des elektrischen Stroms in der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Ob in der Meßdiagnostik mittels EKG und EEG, in Form der breitgefächerten Elektrotherapie sowie im Reha- und sportmedizinischen Bereich.[5]

Der zuckende tote Froschschenkel hatte eine enorme Bedeutung für die medizinische Wissenschaft und unseren hohen Lebensstandard. Die Erkenntnisse aus Galvanis Froschschenkel lassen atrophierende Herzmuskel durch einen Schrittmachen weiter schlagen, Muskeln ohne physische Anstrengung wachsen und Schmerzen ohne Wirkung von Medikamenten therapieren.

Siehe auch

Quellennachweise

  1. Walter Conrad (Hrsg.): Geschichte der Technik in Schlaglichtern, 1997, Meyers Lexikonverlag, S. 58.
  2. Mary Shelley. Der galvanisierte Albtraum Frankensteins. (russ)
  3. The Newgate Calendar — GEORGE FOSTER
  4. The Newgate Calendar — GEORGE FOSTER
  5. Unterschied zwischen TENS- und EMS-Geräten