Februarrevolution 1917: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Februarrevolution 1917''' war der erste Teil der Russischen Revolution und führte zum Sturz der Zarenherrschaft im Russischen Reich. Sie begann am 23. Februar julianischer Zeitrechnung (8. März nach gregorianischem Kalender) mit Massenprotesten in Petrograd (heute [[Sankt Petersburg]]) und endete mit der Abdankung von Zar Nikolaus II. am 2. März (15. März greg.). Die Revolution wurde vor allem durch die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] ausgelöst, in dem Russland hohe Verluste verzeichnete und unter Versorgungsengpässen litt. Hinzu kamen politische Spannungen, ein autoritäres Regierungssystem und die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit der bestehenden Ordnung.
Die '''Februarrevolution 1917''' war der erste Teil der Russischen Revolution und führte zum Sturz der Zarenherrschaft im Russischen Reich. Sie begann am 23. Februar julianischer Zeitrechnung (8. März nach gregorianischem Kalender) mit Massenprotesten in Petrograd (heute [[Sankt Petersburg]]) und endete mit der Abdankung von Zar Nikolaus II. am 2. März (15. März greg.). Die Revolution wurde vor allem durch die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] ausgelöst, in dem Russland hohe Verluste verzeichnete und unter Versorgungsengpässen litt. Hinzu kamen politische Spannungen, ein autoritäres Regierungssystem und die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit der bestehenden Ordnung.


Der Verlauf der Februarrevolution war von spontanen Streiks, Demonstrationen und Meutereien geprägt. Ursprünglich von Arbeiterinnen initiiert, die am internationalen Frauentag gegen Brotknappheit demonstrierten, weiteten sich die Proteste schnell aus. Innerhalb weniger Tage beteiligten sich Hunderttausende an den Kundgebungen. Auch Soldaten der Garnison von Petrograd schlugen sich auf die Seite der Demonstrierenden, was zur entscheidenden Schwächung der zaristischen Gewaltorgane führte. Die [[Duma]], das russische Parlament, bildete daraufhin ein provisorisches Komitee, während der Petrograder Sowjet als Vertretung der Arbeiter und Soldaten entstand. Diese Doppelherrschaft prägte die folgende Übergangsphase bis zur Oktoberrevolution im selben Jahr.
Der Verlauf der Februarrevolution war von spontanen Streiks, Demonstrationen und Meutereien geprägt. Ursprünglich von Arbeiterinnen initiiert, die am internationalen Frauentag gegen Brotknappheit demonstrierten, weiteten sich die Proteste schnell aus. Innerhalb weniger Tage beteiligten sich Hunderttausende an den Kundgebungen. Auch Soldaten der Garnison von Petrograd schlugen sich auf die Seite der Demonstrierenden, was zur entscheidenden Schwächung der zaristischen Gewaltorgane führte. Die [[Duma]], das russische Parlament, bildete daraufhin ein provisorisches Komitee, während der Petrograder Sowjet als Vertretung der Arbeiter und Soldaten entstand. Diese Doppelherrschaft prägte die folgende Übergangsphase bis zur [[Oktoberrevolution]] im selben Jahr.


Die Februarrevolution verlief weitgehend unblutig und führte zur Bildung einer Provisorischen Regierung unter Führung liberaler und gemäßigt sozialistischer Kräfte. Der [[Zar]] wurde zur Abdankung gezwungen und zusammen mit seiner Familie unter Hausarrest gestellt. Die [[Monarchie]] in [[Russland]] war damit beendet. In der Folge entstanden konkurrierende Machtzentren, die das politische Leben bestimmten. Die Provisorische Regierung bemühte sich um politische Reformen, konnte aber zentrale Probleme wie Krieg, Landverteilung und soziale Gerechtigkeit nicht lösen. Dies bereitete den Boden für die Oktoberrevolution und die Machtübernahme durch die [[Bolschewiki]].
Die Februarrevolution verlief weitgehend unblutig und führte zur Bildung einer Provisorischen Regierung unter Führung liberaler und gemäßigt sozialistischer Kräfte. Der [[Zar]] wurde zur Abdankung gezwungen und zusammen mit seiner Familie unter Hausarrest gestellt. Die [[Monarchie]] in [[Russland]] war damit beendet. In der Folge entstanden konkurrierende Machtzentren, die das politische Leben bestimmten. Die Provisorische Regierung bemühte sich um politische Reformen, konnte aber zentrale Probleme wie Krieg, Landverteilung und soziale Gerechtigkeit nicht lösen. Dies bereitete den Boden für die Oktoberrevolution und die Machtübernahme durch die [[Bolschewiki]].
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== Ursachen der Revolution ==
== Ursachen der Revolution ==


Die Februarrevolution war das Ergebnis mehrerer struktureller und aktueller Ursachen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war das zaristische Regime durch soziale Ungleichheiten, politische Repressionen und wirtschaftliche Rückständigkeit belastet. Die Industrialisierung hatte große soziale Spannungen erzeugt: Millionen Landarbeiter lebten in Armut, und in den Städten entstanden neue Arbeitermilieus, die unter schlechten Arbeitsbedingungen litten. Die politische Macht war stark zentralisiert, und die Autokratie unter Zar Nikolaus II. ließ kaum politische Mitbestimmung zu. Die Reformversuche nach der Revolution von 1905 blieben begrenzt und erfüllten die Erwartungen breiter Bevölkerungsschichten nicht.
Die Februarrevolution war das Ergebnis mehrerer struktureller und aktueller Ursachen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war das zaristische Regime durch soziale Ungleichheiten, politische Repressionen und wirtschaftliche Rückständigkeit belastet. Die Industrialisierung hatte große soziale Spannungen erzeugt: Millionen Landarbeiter lebten in Armut, und in den Städten entstanden neue Arbeitermilieus, die unter schlechten Arbeitsbedingungen litten. Die politische Macht war stark zentralisiert, und die [[Autokratie]] unter Zar Nikolaus II. ließ kaum politische Mitbestimmung zu. Die Reformversuche nach der Revolution von 1905 blieben begrenzt und erfüllten die Erwartungen breiter Bevölkerungsschichten nicht.


Der Erste Weltkrieg verschärfte diese Probleme massiv. Russland erlitt hohe militärische Verluste, die Versorgungslage verschlechterte sich dramatisch, und das Vertrauen in die militärische und politische Führung schwand. Hunger, Inflation und Transportprobleme führten zu Unruhen in vielen Städten. Der Rückzug des Zaren von der Regierungsarbeit und die zunehmende Einflussnahme seiner Frau Alexandra und des umstrittenen Wanderpredigers Rasputin untergruben das Vertrauen in die Regierung zusätzlich. Im Militär kam es zu wachsender Unzufriedenheit, und auch konservative Kreise distanzierten sich von der Monarchie.
Der Erste Weltkrieg verschärfte diese Probleme massiv. Russland erlitt hohe militärische Verluste, die Versorgungslage verschlechterte sich dramatisch, und das Vertrauen in die militärische und politische Führung schwand. Hunger, Inflation und Transportprobleme führten zu Unruhen in vielen Städten. Der Rückzug des Zaren von der Regierungsarbeit und die zunehmende Einflussnahme seiner Frau Alexandra und des umstrittenen Wanderpredigers [[Rasputin]] untergruben das Vertrauen in die Regierung zusätzlich. Im Militär kam es zu wachsender Unzufriedenheit, und auch konservative Kreise distanzierten sich von der Monarchie.


Die unmittelbare Ursache der Revolution war eine Kombination aus wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Führungskrise und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Der Winter 1916/17 war besonders hart, viele Haushalte litten unter Brennstoffmangel. Brot wurde rationiert, und Proteste wurden alltäglich. Als sich Anfang März 1917 die Streiks in Petrograd häuften und auch Soldaten meuterten, verlor die Regierung endgültig die Kontrolle über die Lage. Die Entscheidung der Armee, sich nicht mehr auf die Seite der Monarchie zu stellen, war der entscheidende Faktor für den Erfolg der Revolution.
Die unmittelbare Ursache der Revolution war eine Kombination aus wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Führungskrise und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Der Winter 1916/17 war besonders hart, viele Haushalte litten unter Brennstoffmangel. Brot wurde rationiert, und Proteste wurden alltäglich. Als sich Anfang März 1917 die Streiks in Petrograd häuften und auch Soldaten meuterten, verlor die Regierung endgültig die Kontrolle über die Lage. Die Entscheidung der Armee, sich nicht mehr auf die Seite der Monarchie zu stellen, war der entscheidende Faktor für den Erfolg der Revolution.
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Die Ereignisse der Februarrevolution hatten auch internationale Bedeutung. Sie wurden in vielen Ländern als Beginn eines demokratischen Umbruchs in Russland wahrgenommen. Tatsächlich jedoch führte das Machtvakuum bald zur Radikalisierung der politischen Kräfte. Die Schwächen der Provisorischen Regierung und die fortdauernde Krise begünstigten den Erfolg der Bolschewiki in der Oktoberrevolution. In der Rückschau stellt die Februarrevolution somit den Auftakt zu einem grundlegenden Systemwandel dar, der schließlich in die Etablierung der Sowjetunion mündete. Sie markierte zugleich das Ende des Zarenreichs und eines überkommenen Herrschaftsmodells, dessen Legitimität sich angesichts der Herausforderungen des 20. Jahrhunderts als nicht mehr tragfähig erwiesen hatte.
Die Ereignisse der Februarrevolution hatten auch internationale Bedeutung. Sie wurden in vielen Ländern als Beginn eines demokratischen Umbruchs in Russland wahrgenommen. Tatsächlich jedoch führte das Machtvakuum bald zur Radikalisierung der politischen Kräfte. Die Schwächen der Provisorischen Regierung und die fortdauernde Krise begünstigten den Erfolg der Bolschewiki in der Oktoberrevolution. In der Rückschau stellt die Februarrevolution somit den Auftakt zu einem grundlegenden Systemwandel dar, der schließlich in die Etablierung der Sowjetunion mündete. Sie markierte zugleich das Ende des Zarenreichs und eines überkommenen Herrschaftsmodells, dessen Legitimität sich angesichts der Herausforderungen des 20. Jahrhunderts als nicht mehr tragfähig erwiesen hatte.
== Siehe auch ==
*[[Oktoberrevolution]]
[[Kategorie:Sowjetunion]]
[[Kategorie:Russische Geschichte]]

Aktuelle Version vom 2. Juni 2025, 14:56 Uhr

Die Februarrevolution 1917 war der erste Teil der Russischen Revolution und führte zum Sturz der Zarenherrschaft im Russischen Reich. Sie begann am 23. Februar julianischer Zeitrechnung (8. März nach gregorianischem Kalender) mit Massenprotesten in Petrograd (heute Sankt Petersburg) und endete mit der Abdankung von Zar Nikolaus II. am 2. März (15. März greg.). Die Revolution wurde vor allem durch die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage während des Ersten Weltkriegs ausgelöst, in dem Russland hohe Verluste verzeichnete und unter Versorgungsengpässen litt. Hinzu kamen politische Spannungen, ein autoritäres Regierungssystem und die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit der bestehenden Ordnung.

Der Verlauf der Februarrevolution war von spontanen Streiks, Demonstrationen und Meutereien geprägt. Ursprünglich von Arbeiterinnen initiiert, die am internationalen Frauentag gegen Brotknappheit demonstrierten, weiteten sich die Proteste schnell aus. Innerhalb weniger Tage beteiligten sich Hunderttausende an den Kundgebungen. Auch Soldaten der Garnison von Petrograd schlugen sich auf die Seite der Demonstrierenden, was zur entscheidenden Schwächung der zaristischen Gewaltorgane führte. Die Duma, das russische Parlament, bildete daraufhin ein provisorisches Komitee, während der Petrograder Sowjet als Vertretung der Arbeiter und Soldaten entstand. Diese Doppelherrschaft prägte die folgende Übergangsphase bis zur Oktoberrevolution im selben Jahr.

Die Februarrevolution verlief weitgehend unblutig und führte zur Bildung einer Provisorischen Regierung unter Führung liberaler und gemäßigt sozialistischer Kräfte. Der Zar wurde zur Abdankung gezwungen und zusammen mit seiner Familie unter Hausarrest gestellt. Die Monarchie in Russland war damit beendet. In der Folge entstanden konkurrierende Machtzentren, die das politische Leben bestimmten. Die Provisorische Regierung bemühte sich um politische Reformen, konnte aber zentrale Probleme wie Krieg, Landverteilung und soziale Gerechtigkeit nicht lösen. Dies bereitete den Boden für die Oktoberrevolution und die Machtübernahme durch die Bolschewiki.

Ursachen der Revolution

Die Februarrevolution war das Ergebnis mehrerer struktureller und aktueller Ursachen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war das zaristische Regime durch soziale Ungleichheiten, politische Repressionen und wirtschaftliche Rückständigkeit belastet. Die Industrialisierung hatte große soziale Spannungen erzeugt: Millionen Landarbeiter lebten in Armut, und in den Städten entstanden neue Arbeitermilieus, die unter schlechten Arbeitsbedingungen litten. Die politische Macht war stark zentralisiert, und die Autokratie unter Zar Nikolaus II. ließ kaum politische Mitbestimmung zu. Die Reformversuche nach der Revolution von 1905 blieben begrenzt und erfüllten die Erwartungen breiter Bevölkerungsschichten nicht.

Der Erste Weltkrieg verschärfte diese Probleme massiv. Russland erlitt hohe militärische Verluste, die Versorgungslage verschlechterte sich dramatisch, und das Vertrauen in die militärische und politische Führung schwand. Hunger, Inflation und Transportprobleme führten zu Unruhen in vielen Städten. Der Rückzug des Zaren von der Regierungsarbeit und die zunehmende Einflussnahme seiner Frau Alexandra und des umstrittenen Wanderpredigers Rasputin untergruben das Vertrauen in die Regierung zusätzlich. Im Militär kam es zu wachsender Unzufriedenheit, und auch konservative Kreise distanzierten sich von der Monarchie.

Die unmittelbare Ursache der Revolution war eine Kombination aus wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Führungskrise und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Der Winter 1916/17 war besonders hart, viele Haushalte litten unter Brennstoffmangel. Brot wurde rationiert, und Proteste wurden alltäglich. Als sich Anfang März 1917 die Streiks in Petrograd häuften und auch Soldaten meuterten, verlor die Regierung endgültig die Kontrolle über die Lage. Die Entscheidung der Armee, sich nicht mehr auf die Seite der Monarchie zu stellen, war der entscheidende Faktor für den Erfolg der Revolution.

Folgen und Bedeutung

Die Februarrevolution 1917 beendete die über 300-jährige Herrschaft der Romanow-Dynastie und leitete den Übergang von einer absolutistischen Monarchie zu einer republikanischen Übergangsordnung ein. Die Abdankung von Nikolaus II. markierte einen tiefgreifenden Einschnitt in der russischen Geschichte. Mit der Errichtung der Provisorischen Regierung wurde der Versuch unternommen, ein parlamentarisch-demokratisches System zu etablieren. In dieser Phase herrschte allerdings eine sogenannte Doppelherrschaft: Die Regierung hatte die formelle Macht, während der Petrograder Sowjet als Vertretung der Arbeiter und Soldaten de facto erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen ausübte.

Die Provisorische Regierung stand unter erheblichem Druck. Sie wollte sowohl demokratische Reformen einführen als auch den Krieg weiterführen, was zu wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung führte. Forderungen nach einer sofortigen Beendigung des Krieges, nach Landreformen und besseren Arbeitsbedingungen konnten nicht erfüllt werden. Zudem wurde die Autorität der Regierung durch häufig wechselnde Kabinette und den wachsenden Einfluss radikaler Kräfte geschwächt. Die Bolschewiki, eine Fraktion der Sozialdemokraten unter Lenin, nutzten diese Situation gezielt, um ihre Unterstützung in den Sowjets auszubauen.

Die Ereignisse der Februarrevolution hatten auch internationale Bedeutung. Sie wurden in vielen Ländern als Beginn eines demokratischen Umbruchs in Russland wahrgenommen. Tatsächlich jedoch führte das Machtvakuum bald zur Radikalisierung der politischen Kräfte. Die Schwächen der Provisorischen Regierung und die fortdauernde Krise begünstigten den Erfolg der Bolschewiki in der Oktoberrevolution. In der Rückschau stellt die Februarrevolution somit den Auftakt zu einem grundlegenden Systemwandel dar, der schließlich in die Etablierung der Sowjetunion mündete. Sie markierte zugleich das Ende des Zarenreichs und eines überkommenen Herrschaftsmodells, dessen Legitimität sich angesichts der Herausforderungen des 20. Jahrhunderts als nicht mehr tragfähig erwiesen hatte.

Siehe auch