Russland im Jahr 1839 (Astolphe de Custine): Unterschied zwischen den Versionen
E.T. (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
|||
| (5 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 4: | Zeile 4: | ||
| Originaltitel = La Russie en 1839 | | Originaltitel = La Russie en 1839 | ||
| Bild = <!-- Optional: Coverbild --> | | Bild = <!-- Optional: Coverbild --> | ||
| Autor = [[Astolphe de Custine]] | | Autor = [[Astolphe de Custine]] | ||
| Übersetzer = (mehrere, u. a. Friedrich von Oppeln-Bronikowski) | | Übersetzer = (mehrere, u. a. Friedrich von Oppeln-Bronikowski) | ||
| Land = | | Land = {{FRA}} | ||
| Sprache = Französisch | | Sprache = Französisch | ||
| Genre = Reisebericht, politische Analyse | | Genre = Reisebericht, politische Analyse | ||
| Zeile 13: | Zeile 12: | ||
| Verlag = (verschiedene Ausgaben) | | Verlag = (verschiedene Ausgaben) | ||
| Seiten = ca. 1.000 (je nach Ausgabe) | | Seiten = ca. 1.000 (je nach Ausgabe) | ||
| ISBN = | | ISBN = [http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/1015757537/sciencehome0c-21 1015757537] | ||
}} | }} | ||
'''Russland im Jahr 1839''' (frz. ''La Russie en 1839'') ist ein auf Beobachtungen beruhender Reisebericht von Astolphe de Custine, der sich zu einem Klassiker der Russlandkritik entwickelte. | '''Russland im Jahr 1839''' (frz. ''La Russie en 1839'') ist ein auf Beobachtungen beruhender Reisebericht von Astolphe de Custine, der sich zu einem Klassiker der Russlandkritik entwickelte. | ||
| Zeile 21: | Zeile 20: | ||
== Inhalt und Hauptthesen == | == Inhalt und Hauptthesen == | ||
De Custine beschreibt Russland als eine scheinbare Großmacht, die durch strenge staatliche Kontrolle, eine allgegenwärtige Bürokratie und einen unterdrückerischen [[Absolutismus]] gekennzeichnet ist. Obwohl das Land durch Reichtum und Größe imponiere, sei die Gesellschaft geprägt von: | De Custine beschreibt Russland als eine scheinbare Großmacht, die durch strenge staatliche Kontrolle, eine allgegenwärtige [[Bürokratie]] und einen unterdrückerischen [[Absolutismus]] gekennzeichnet ist. Obwohl das Land durch Reichtum und Größe imponiere, sei die Gesellschaft geprägt von: | ||
* völliger Unterwerfung unter die [[Autokratie]]; | * völliger Unterwerfung unter die [[Autokratie]]; | ||
| Zeile 37: | Zeile 36: | ||
* Der allmächtige [[Staat]] verdrängte individuelle Freiheit; | * Der allmächtige [[Staat]] verdrängte individuelle Freiheit; | ||
* [[Denunziation]] und Angst prägten das soziale Klima; | * [[Denunziation]] und Angst prägten das soziale Klima; | ||
* Ideologische Gleichschaltung erinnerte an die | * Ideologische Gleichschaltung erinnerte an die "Uniformität" des zaristischen Untertanengeistes; | ||
* Die Modernisierung unter [[Stalin]] und später unter [[Breschnew]] blieb – ähnlich wie bei Peter dem Großen – häufig bloß technokratisch und äußerlich. | * Die Modernisierung unter [[Stalin]] und später unter [[Leonid Breschnew|Breschnew]] blieb – ähnlich wie bei [[Peter der Große|Peter dem Großen]] – häufig bloß technokratisch und äußerlich. | ||
== Parallelen zum modernen Russland == | == Parallelen zum modernen Russland == | ||
| Zeile 56: | Zeile 55: | ||
Astolphe de Custine war dermaßen scharfsinnig in seiner Beobachtung der russischen Gesellschaft, dass er sogar die künftige [[Oktoberrevolution]] von 1917 vorhergesagt hat: | Astolphe de Custine war dermaßen scharfsinnig in seiner Beobachtung der russischen Gesellschaft, dass er sogar die künftige [[Oktoberrevolution]] von 1917 vorhergesagt hat: | ||
{{Zitat| text = Wenn ein Volk in Ketten lebt, dann verdient es dieses Schicksal; die Tyrannei wird von den Völkern selbst geschaffen. Entweder wird sich die zivilisierte Welt nicht später als in fünf Jahrzehnten erneut den Barbaren unterwerfen – oder in Russland wird eine Revolution geschehen, furchtbarer noch als jene, deren Folgen der europäische Westen bis heute spürt.}} | |||
== Literatur und Einordnung == | == Literatur und Einordnung == | ||
| Zeile 63: | Zeile 62: | ||
[[Kategorie:Buch]] | [[Kategorie:Buch]] | ||
[[Kategorie:Russland]] | |||
Aktuelle Version vom 29. Oktober 2025, 06:58 Uhr
| Originaltitel | La Russie en 1839 |
| – | |
| Autor | Astolphe de Custine |
| Übersetzer | (mehrere, u. a. Friedrich von Oppeln-Bronikowski) |
| Land | |
| Originalsprache | Französisch |
| Genre | Reisebericht, politische Analyse |
| Verlag | (verschiedene Ausgaben) |
| Erscheinungsjahr | 1843 |
| Seiten | ca. 1.000 (je nach Ausgabe) |
| ISBN | 1015757537 |
Russland im Jahr 1839 (frz. La Russie en 1839) ist ein auf Beobachtungen beruhender Reisebericht von Astolphe de Custine, der sich zu einem Klassiker der Russlandkritik entwickelte.
Russland im Jahr 1839 ist ein Reisebericht des französischen Adligen und Diplomaten Astolphe de Custine, der nach einer mehrmonatigen Reise durch das Russische Kaiserreich erschien. Das Werk gilt als ein früher und scharfer Kommentar zur politischen und gesellschaftlichen Lage Russlands im 19. Jahrhundert. Es wurde später als visionär betrachtet, da viele seiner Beobachtungen Parallelen zur Sowjetunion und dem heutigen Russland aufweisen.
Inhalt und Hauptthesen
De Custine beschreibt Russland als eine scheinbare Großmacht, die durch strenge staatliche Kontrolle, eine allgegenwärtige Bürokratie und einen unterdrückerischen Absolutismus gekennzeichnet ist. Obwohl das Land durch Reichtum und Größe imponiere, sei die Gesellschaft geprägt von:
- völliger Unterwerfung unter die Autokratie;
- allgegenwärtiger Zensur und staatlicher Kontrolle;
- oberflächlicher Modernisierung nach westlichem Vorbild, die aber nur Fassade bleibe;
- geistiger und moralischer Erstarrung;
- einem Klima der Angst und Konformität, in dem selbst Freunde einander misstrauen.
De Custine bezeichnete Russland als ein „Gefängnis im Maßstab eines Imperiums“ und sah im Zarenstaat ein „Experiment totaler Kontrolle“, das äußerlich geordnet, aber innerlich krank sei.
Parallelen zur Sowjetunion
Viele von Custines Beobachtungen fanden eine fast gespenstische Entsprechung im Stalinismus und im weiteren Verlauf der Sowjetunion:
- Der allmächtige Staat verdrängte individuelle Freiheit;
- Denunziation und Angst prägten das soziale Klima;
- Ideologische Gleichschaltung erinnerte an die "Uniformität" des zaristischen Untertanengeistes;
- Die Modernisierung unter Stalin und später unter Breschnew blieb – ähnlich wie bei Peter dem Großen – häufig bloß technokratisch und äußerlich.
Parallelen zum modernen Russland
Auch im 21. Jahrhundert lassen sich in der Russischen Föderation unter Wladimir Putin Parallelen zu Custines Russland erkennen:
- Die Macht ist erneut stark auf eine zentrale Figur konzentriert;
- Pressefreiheit und politische Opposition sind massiv eingeschränkt;
- Der Staat inszeniert sich als Verteidiger traditioneller Werte, während Kritik delegitimiert wird;
- Eine nationalistische Rhetorik ersetzt offenen Diskurs;
- Die Kontrolle über Justiz und Medien erinnert an die zaristische und sowjetische Vergangenheit.
Rezeption
Das Buch wurde im Westen wegen seiner scharfsinnigen Analyse und literarischen Qualität gelobt, in Russland jedoch lange unterdrückt oder als „verleumderisch“ gebrandmarkt. Lange Zeit war das Buch verboten. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es auch dort wieder gelesen – oft mit Erstaunen über seine prophetische Kraft.
Astolphe de Custine war dermaßen scharfsinnig in seiner Beobachtung der russischen Gesellschaft, dass er sogar die künftige Oktoberrevolution von 1917 vorhergesagt hat:
❝ „Wenn ein Volk in Ketten lebt, dann verdient es dieses Schicksal; die Tyrannei wird von den Völkern selbst geschaffen. Entweder wird sich die zivilisierte Welt nicht später als in fünf Jahrzehnten erneut den Barbaren unterwerfen – oder in Russland wird eine Revolution geschehen, furchtbarer noch als jene, deren Folgen der europäische Westen bis heute spürt.“
—
Literatur und Einordnung
Russland im Jahr 1839 gilt als ein Schlüsselwerk zur Analyse russischer Staatskultur. Es bietet eine frühe und bis heute relevante Kritik an autoritären Tendenzen und liefert wichtige Einsichten in ein Staatsmodell, das weniger durch Recht und Teilhabe als durch Kontrolle und Angst funktioniert.