Josef Stalin: Unterschied zwischen den Versionen
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| NAME = Josef Stalin | |||
| BILD = Joseph Stalin, 1950 (cropped).jpg | |||
| ALTERNATIVNAMEN = Iosseb Besarionis Dse Dschughaschwili | |||
| KURZBESCHREIBUNG = sowjetischer Diktator, Generalsekretär der [[KPdSU]] | |||
| GEBURTSDATUM = 18 December 1878 | |||
| GEBURTSORT = Gori, Tiflis-Gouvernement, Russisches Kaiserreich | |||
| STERBEDATUM = 5 March 1953 | |||
| ALTERMANUELL = 74 Jahre | |||
| STERBEORT = Kunzewo, Moskau, Sowjetunion | |||
| STAATSANGEHÖRIGKEIT = Sowjetunion | |||
| TÄTIGKEITSFELD = Politik, Revolutionär | |||
| BEKANNTFÜR = Führer der Sowjetunion, [[Stalinismus]], Industrialisierung, Kollektivierung, politischer Terror | |||
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| WERKE = “Grundlagen des Leninismus”, diverse Reden und Schriften | |||
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'''Josef Stalin''' wurde am 18. Dezember 1878 als '''Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili''' im georgischen Gori geboren. Nach einer theologischen Ausbildung in Tiflis wandte er sich früh dem [[Marxismus]] zu und schloss sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands an. Innerhalb der bolschewistischen Fraktion stieg er rasch auf und war vor allem für logistische Aufgaben und die Organisation von Parteistrukturen im Untergrund zuständig. Mehrere Verhaftungen und Verbannungen unter dem zaristischen Regime kennzeichneten seinen Werdegang vor der Revolution. | '''Josef Stalin''' wurde am 18. Dezember 1878 als '''Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili''' im georgischen Gori geboren. Nach einer theologischen Ausbildung in Tiflis wandte er sich früh dem [[Marxismus]] zu und schloss sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands an. Innerhalb der bolschewistischen Fraktion stieg er rasch auf und war vor allem für logistische Aufgaben und die Organisation von Parteistrukturen im Untergrund zuständig. Mehrere Verhaftungen und Verbannungen unter dem zaristischen Regime kennzeichneten seinen Werdegang vor der Revolution. | ||
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Nach der Ausschaltung seiner politischen Gegner entwickelte Stalin in den 1930er-Jahren ein autoritäres Herrschaftssystem, das auf [[Personenkult]], Gewalt und umfassender Kontrolle basierte. Die Industrialisierung wurde durch [[Zwangskollektivierung]] der Landwirtschaft begleitet, was besonders in der [[Ukraine]] zur Hungersnot von 1932/33 ([[Holodomor]]) führte, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Historiker bewerten diese Ereignisse zunehmend als gezielt herbeigeführte politische Maßnahme zur Unterwerfung der Bauernschaft und als [[Genozid]] am ukrainischen Volk. | Nach der Ausschaltung seiner politischen Gegner entwickelte Stalin in den 1930er-Jahren ein autoritäres Herrschaftssystem, das auf [[Personenkult]], Gewalt und umfassender Kontrolle basierte. Die Industrialisierung wurde durch [[Zwangskollektivierung]] der Landwirtschaft begleitet, was besonders in der [[Ukraine]] zur Hungersnot von 1932/33 ([[Holodomor]]) führte, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Historiker bewerten diese Ereignisse zunehmend als gezielt herbeigeführte politische Maßnahme zur Unterwerfung der Bauernschaft und als [[Genozid]] am ukrainischen Volk. | ||
Zwischen 1936 und 1938 erreichte der Terror unter Stalin seinen Höhepunkt. In den sogenannten | Zwischen 1936 und 1938 erreichte der Terror unter Stalin seinen Höhepunkt. In den sogenannten "[[Große Säuberungen|Großen Säuberungen]]" wurden große Teile des Parteiapparats, des Militärs und der [[Intelligenzija]] systematisch verfolgt. Schauprozesse, willkürliche Verhaftungen, Folter und Massenexekutionen prägten das Klima in der Sowjetunion. Gleichzeitig wurde das [[Gulag]]-System ausgebaut, in dem Millionen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Auch ethnische Minderheiten wie Polen, Deutsche oder Tataren wurden Opfer gezielter Deportationen und Repressionen. | ||
Stalins Macht basierte auf einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat, der Bevölkerung, Partei und Armee gleichermaßen durchdrang. Die Kontrolle über Informationen, Geschichtsschreibung und Bildung diente der ideologischen Absicherung seiner Herrschaft. Die Verbrechen Stalins wurden von offizieller Seite lange verschwiegen oder gerechtfertigt, teils unter Berufung auf den angeblichen Schutz der Revolution oder die Erfordernisse des sozialistischen Aufbaus. | Stalins Macht basierte auf einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat, der Bevölkerung, Partei und Armee gleichermaßen durchdrang. Die Kontrolle über Informationen, Geschichtsschreibung und Bildung diente der ideologischen Absicherung seiner Herrschaft. Die Verbrechen Stalins wurden von offizieller Seite lange verschwiegen oder gerechtfertigt, teils unter Berufung auf den angeblichen Schutz der Revolution oder die Erfordernisse des sozialistischen Aufbaus. | ||
=== Stalin im Zweiten Weltkrieg === | === Stalin im Zweiten Weltkrieg === | ||
Der [[Zweite Weltkrieg]] stellte eine [[Zäsur]] in der Herrschaft Josef Stalins dar. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 – auch [[Hitler-Stalin-Pakt]] genannt – beteiligte sich die Sowjetunion an der Zerschlagung Polens und besetzte die baltischen Staaten sowie Teile Finnlands und Rumäniens. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 traf Stalin überraschend, trotz zahlreicher Hinweise aus dem In- und Ausland. Die anfängliche Führungskrise, verbunden mit katastrophalen militärischen Niederlagen, kostete Millionen sowjetischer Soldaten das Leben. | Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] stellte eine [[Zäsur]] in der Herrschaft Josef Stalins dar. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 – auch [[Hitler-Stalin-Pakt]] genannt – beteiligte sich die Sowjetunion an der Zerschlagung Polens und besetzte die baltischen Staaten sowie Teile Finnlands und Rumäniens. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 traf Stalin überraschend, trotz zahlreicher Hinweise aus dem In- und Ausland. Die anfängliche Führungskrise, verbunden mit katastrophalen militärischen Niederlagen, kostete Millionen sowjetischer Soldaten das Leben. | ||
Während des Krieges übernahm Stalin persönlich die oberste militärische Leitung und baute seine Stellung als oberster Befehlshaber systematisch aus. Die Kriegsführung der [[Rote Armee|Roten Armee]] war durch massive Verluste und rücksichtslose Disziplinarmaßnahmen gekennzeichnet. Strafbataillone, Erschießungen bei Rückzug und die harte Bestrafung von Kollaboration wurden staatlich angeordnet. Der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland im Mai 1945 wurde in der Sowjetunion zu einem zentralen Element des nationalen Selbstverständnisses erhoben und diente fortan der Legitimation des Regimes. | Während des Krieges übernahm Stalin persönlich die oberste militärische Leitung und baute seine Stellung als oberster Befehlshaber systematisch aus. Die Kriegsführung der [[Rote Armee|Roten Armee]] war durch massive Verluste und rücksichtslose Disziplinarmaßnahmen gekennzeichnet. Strafbataillone, Erschießungen bei Rückzug und die harte Bestrafung von Kollaboration wurden staatlich angeordnet. Der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland im Mai 1945 wurde in der Sowjetunion zu einem zentralen Element des nationalen Selbstverständnisses erhoben und diente fortan der Legitimation des Regimes. | ||
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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stärkte Stalin seine Position sowohl im Inneren als auch international. Die sowjetische Besatzung Osteuropas führte zur Errichtung kommunistischer Satellitenstaaten, deren politische Systeme sich stark an sowjetischen Vorbildern orientierten. Die Konfrontation mit den westlichen Alliierten mündete ab 1947 in den [[Kalter Krieg|Kalten Krieg]], der durch ideologische Blockbildung und geopolitische Spannungen geprägt war. Stalin inszenierte die Sowjetunion als Gegengewicht zur westlichen Weltordnung, wobei er das Feindbild des äußeren und inneren Gegners zur Disziplinierung der Bevölkerung erneut aktivierte. | Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stärkte Stalin seine Position sowohl im Inneren als auch international. Die sowjetische Besatzung Osteuropas führte zur Errichtung kommunistischer Satellitenstaaten, deren politische Systeme sich stark an sowjetischen Vorbildern orientierten. Die Konfrontation mit den westlichen Alliierten mündete ab 1947 in den [[Kalter Krieg|Kalten Krieg]], der durch ideologische Blockbildung und geopolitische Spannungen geprägt war. Stalin inszenierte die Sowjetunion als Gegengewicht zur westlichen Weltordnung, wobei er das Feindbild des äußeren und inneren Gegners zur Disziplinierung der Bevölkerung erneut aktivierte. | ||
Innenpolitisch setzte sich die Repression nach dem Krieg fort. Obwohl der Personenkult auf dem Höhepunkt war, blieben Verhaftungen, Deportationen und Säuberungen ein integraler Bestandteil des Systems. Besonders auffällig war die Zunahme [[Antisemitismus|antisemitischer]] Kampagnen, etwa im Rahmen des sogenannten | Innenpolitisch setzte sich die Repression nach dem Krieg fort. Obwohl der Personenkult auf dem Höhepunkt war, blieben Verhaftungen, Deportationen und Säuberungen ein integraler Bestandteil des Systems. Besonders auffällig war die Zunahme [[Antisemitismus|antisemitischer]] Kampagnen, etwa im Rahmen des sogenannten "Ärzteprozesses" oder der Verfolgung jüdischer Intellektueller in der Spätphase seiner Herrschaft. Der Ausbau des Sicherheitsapparates und die ideologische Gleichschaltung von Bildung, Kultur und Wissenschaft dienten der weiteren Festigung der Macht. | ||
Die Bevölkerung blieb trotz des Sieges und der geopolitischen Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre weitgehend in Armut. Der Wiederaufbau erfolgte unter extremen Belastungen für Arbeiter und Bauern. Eigeninitiative wurde unterdrückt, private Märkte bekämpft, und die Zentralplanung dominierte weiterhin das Wirtschaftsleben. Die offizielle Geschichtsschreibung verherrlichte die Rolle Stalins, während kritische Stimmen unterdrückt wurden. Selbst enge Parteikader wagten keine abweichenden Meinungen – die Atmosphäre war weiterhin von Angst und Kontrolle geprägt. | Die Bevölkerung blieb trotz des Sieges und der geopolitischen Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre weitgehend in Armut. Der Wiederaufbau erfolgte unter extremen Belastungen für Arbeiter und Bauern. Eigeninitiative wurde unterdrückt, private Märkte bekämpft, und die Zentralplanung dominierte weiterhin das Wirtschaftsleben. Die offizielle Geschichtsschreibung verherrlichte die Rolle Stalins, während kritische Stimmen unterdrückt wurden. Selbst enge Parteikader wagten keine abweichenden Meinungen – die Atmosphäre war weiterhin von Angst und Kontrolle geprägt. | ||
Aktuelle Version vom 20. November 2025, 15:23 Uhr
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| Alternativnamen | Iosseb Besarionis Dse Dschughaschwili |
|---|---|
| Kurzbeschreibung | sowjetischer Diktator, Generalsekretär der KPdSU |
| Geburtsdatum | 18 December 1878 |
| Alter |
74 Jahre |
| Geburtsort | Gori, Tiflis-Gouvernement, Russisches Kaiserreich |
| Sterbedatum | 5 March 1953 |
| Sterbeort | Kunzewo, Moskau, Sowjetunion |
| Staatsangehörigkeit | Sowjetunion |
| Tätigkeitsfeld | Politik, Revolutionär |
| Bekannt für | Führer der Sowjetunion, Stalinismus, Industrialisierung, Kollektivierung, politischer Terror |
| Aktiv seit | ca. 1901–1953 |
| Werke (Auswahl) | “Grundlagen des Leninismus”, diverse Reden und Schriften |
Josef Stalin wurde am 18. Dezember 1878 als Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili im georgischen Gori geboren. Nach einer theologischen Ausbildung in Tiflis wandte er sich früh dem Marxismus zu und schloss sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands an. Innerhalb der bolschewistischen Fraktion stieg er rasch auf und war vor allem für logistische Aufgaben und die Organisation von Parteistrukturen im Untergrund zuständig. Mehrere Verhaftungen und Verbannungen unter dem zaristischen Regime kennzeichneten seinen Werdegang vor der Revolution.
Nach der Februarrevolution 1917 kehrte Stalin aus der Verbannung zurück und wurde Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki. In der Oktoberrevolution spielte er keine zentrale militärische Rolle, war aber als enger Vertrauter Lenins in die innerparteilichen Entscheidungsprozesse eingebunden. Bereits zu dieser Zeit nutzte er seine Funktionen systematisch, um sich Machtpositionen zu sichern. 1922 wurde er zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei ernannt, eine Position, die er zum Ausgangspunkt seiner späteren Alleinherrschaft machte.
Das Verhältnis zu Lenin war von Ambivalenz geprägt. Während Lenin Stalin anfangs schätzte, äußerte er später erhebliche Bedenken hinsichtlich dessen Charakter und Machtanspruch. In seinem politischen Testament warnte Lenin davor, Stalin zu viel Einfluss zu gewähren, was jedoch nach seinem Tod 1924 von den Parteigremien ignoriert wurde. Stalin verstand es, innerparteiliche Rivalen wie Trotzki, Kamenew und Sinowjew durch geschickte Bündnispolitik und Intrigen zu entmachten und sich in den folgenden Jahren als unangefochtener Führer der Sowjetunion zu etablieren.
Herrschaft und Repressionssystem
Nach der Ausschaltung seiner politischen Gegner entwickelte Stalin in den 1930er-Jahren ein autoritäres Herrschaftssystem, das auf Personenkult, Gewalt und umfassender Kontrolle basierte. Die Industrialisierung wurde durch Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begleitet, was besonders in der Ukraine zur Hungersnot von 1932/33 (Holodomor) führte, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Historiker bewerten diese Ereignisse zunehmend als gezielt herbeigeführte politische Maßnahme zur Unterwerfung der Bauernschaft und als Genozid am ukrainischen Volk.
Zwischen 1936 und 1938 erreichte der Terror unter Stalin seinen Höhepunkt. In den sogenannten "Großen Säuberungen" wurden große Teile des Parteiapparats, des Militärs und der Intelligenzija systematisch verfolgt. Schauprozesse, willkürliche Verhaftungen, Folter und Massenexekutionen prägten das Klima in der Sowjetunion. Gleichzeitig wurde das Gulag-System ausgebaut, in dem Millionen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Auch ethnische Minderheiten wie Polen, Deutsche oder Tataren wurden Opfer gezielter Deportationen und Repressionen.
Stalins Macht basierte auf einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat, der Bevölkerung, Partei und Armee gleichermaßen durchdrang. Die Kontrolle über Informationen, Geschichtsschreibung und Bildung diente der ideologischen Absicherung seiner Herrschaft. Die Verbrechen Stalins wurden von offizieller Seite lange verschwiegen oder gerechtfertigt, teils unter Berufung auf den angeblichen Schutz der Revolution oder die Erfordernisse des sozialistischen Aufbaus.
Stalin im Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg stellte eine Zäsur in der Herrschaft Josef Stalins dar. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 – auch Hitler-Stalin-Pakt genannt – beteiligte sich die Sowjetunion an der Zerschlagung Polens und besetzte die baltischen Staaten sowie Teile Finnlands und Rumäniens. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 traf Stalin überraschend, trotz zahlreicher Hinweise aus dem In- und Ausland. Die anfängliche Führungskrise, verbunden mit katastrophalen militärischen Niederlagen, kostete Millionen sowjetischer Soldaten das Leben.
Während des Krieges übernahm Stalin persönlich die oberste militärische Leitung und baute seine Stellung als oberster Befehlshaber systematisch aus. Die Kriegsführung der Roten Armee war durch massive Verluste und rücksichtslose Disziplinarmaßnahmen gekennzeichnet. Strafbataillone, Erschießungen bei Rückzug und die harte Bestrafung von Kollaboration wurden staatlich angeordnet. Der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland im Mai 1945 wurde in der Sowjetunion zu einem zentralen Element des nationalen Selbstverständnisses erhoben und diente fortan der Legitimation des Regimes.
Stalin nutzte den Krieg, um seinen Personenkult weiter auszubauen. Offizielle Propaganda stellte ihn als genialen Strategen dar, ungeachtet seiner strategischen Fehlentscheidungen in der Frühphase des Krieges. Die tatsächliche militärische Leistung wurde systematisch kollektiviert oder Stalin persönlich zugeschrieben. Die enorme Zahl an zivilen und militärischen Opfern – Schätzungen reichen bis zu 27 Millionen – wurde in der offiziellen Darstellung dem heldenhaften Kampf gegen den Faschismus untergeordnet, nicht zuletzt zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft.
Nachkriegszeit und innenpolitische Entwicklung
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stärkte Stalin seine Position sowohl im Inneren als auch international. Die sowjetische Besatzung Osteuropas führte zur Errichtung kommunistischer Satellitenstaaten, deren politische Systeme sich stark an sowjetischen Vorbildern orientierten. Die Konfrontation mit den westlichen Alliierten mündete ab 1947 in den Kalten Krieg, der durch ideologische Blockbildung und geopolitische Spannungen geprägt war. Stalin inszenierte die Sowjetunion als Gegengewicht zur westlichen Weltordnung, wobei er das Feindbild des äußeren und inneren Gegners zur Disziplinierung der Bevölkerung erneut aktivierte.
Innenpolitisch setzte sich die Repression nach dem Krieg fort. Obwohl der Personenkult auf dem Höhepunkt war, blieben Verhaftungen, Deportationen und Säuberungen ein integraler Bestandteil des Systems. Besonders auffällig war die Zunahme antisemitischer Kampagnen, etwa im Rahmen des sogenannten "Ärzteprozesses" oder der Verfolgung jüdischer Intellektueller in der Spätphase seiner Herrschaft. Der Ausbau des Sicherheitsapparates und die ideologische Gleichschaltung von Bildung, Kultur und Wissenschaft dienten der weiteren Festigung der Macht.
Die Bevölkerung blieb trotz des Sieges und der geopolitischen Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre weitgehend in Armut. Der Wiederaufbau erfolgte unter extremen Belastungen für Arbeiter und Bauern. Eigeninitiative wurde unterdrückt, private Märkte bekämpft, und die Zentralplanung dominierte weiterhin das Wirtschaftsleben. Die offizielle Geschichtsschreibung verherrlichte die Rolle Stalins, während kritische Stimmen unterdrückt wurden. Selbst enge Parteikader wagten keine abweichenden Meinungen – die Atmosphäre war weiterhin von Angst und Kontrolle geprägt.
Tod und Reaktionen
Josef Stalin starb am 5. März 1953 im Alter von 74 Jahren in seiner Datscha in Kunzewo bei Moskau an den Folgen eines Schlaganfalls. Der Tod des Diktators löste in der Sowjetunion widersprüchliche Reaktionen aus. Während die staatlich gelenkte Trauerinszenierung Millionen Menschen mobilisierte, herrschte innerhalb der Führungsspitze Unsicherheit über die künftige Richtung der Politik. Die Nachfolgefrage wurde zunächst kollektiv geregelt, wobei sich bald Machtkämpfe zwischen Vertretern des alten Systems und Reformern entwickelten.
Stalins Tod markierte das Ende einer Epoche absoluter Herrschaft, ohne dass sein politisches Erbe sofort grundsätzlich infrage gestellt wurde. Erst mit der Entmachtung von Geheimdienstchef Lawrenti Beria und dem späteren Aufstieg Nikita Chruschtschows begannen erste Schritte der Revision. Dennoch blieb die Figur Stalins im offiziellen Diskurs zunächst überhöht. Der Leichnam wurde im Mausoleum neben Lenin aufgebahrt, erst 1961 im Zuge der Entstalinisierung entfernt.
Rückblickend wird Stalins Tod als Wendepunkt betrachtet, der eine vorsichtige Öffnung ermöglichte. Die Gesellschaft war von Jahrzehnten der Angst geprägt, und viele der durch das System Geschädigten konnten ihre Erfahrungen erst allmählich öffentlich machen. Die politische Führung bemühte sich in den folgenden Jahren, eine neue Legitimation jenseits des stalinistischen Totalitarismus zu finden – ein Prozess, der durch innere Widersprüche und den Druck der Realität nur langsam voranschritt.
Entstalinisierung und spätere Neubewertungen
Nach Stalins Tod 1953 kam es innerhalb der sowjetischen Führung zu Machtverschiebungen. Nikita Chruschtschow, der ab 1956 die Führung übernahm, leitete mit seiner „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag eine Phase der sogenannten Entstalinisierung ein. Er kritisierte die Exzesse der Repressionen und den Personenkult um Stalin und versuchte, die Partei wieder auf kollektive Führung auszurichten. Viele politische Gefangene wurden rehabilitiert, das Gulag-System wurde zurückgebaut, und der Personenkult offiziell verurteilt.
Trotzdem blieb das Verhältnis zum Stalin-Erbe widersprüchlich. Einerseits wurde seine Rolle im Zweiten Weltkrieg weiterhin hervorgehoben, andererseits mied die offizielle Geschichtsschreibung lange eine umfassende Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen. Erst in der Zeit der Perestroika unter Michail Gorbatschow ab Mitte der 1980er-Jahre wurde der öffentliche Diskurs offener. Zahlreiche bisher geheim gehaltene Dokumente wurden zugänglich gemacht, und Organisationen wie Memorial begannen mit der systematischen Dokumentation der Repressionen.
In dieser Phase setzte sich zunehmend die historische Erkenntnis durch, dass Stalins Politik nicht nur Ausdruck persönlicher Grausamkeit, sondern ein systemisches Ergebnis eines autoritären Modells von Sozialismus war, das auf Gewalt, Zwang und Kontrolle basierte. Die Perestroika markierte somit einen Wendepunkt in der sowjetischen Erinnerungskultur, die erstmals versuchte, Opferperspektiven ernst zu nehmen und die staatliche Verantwortung für die Verbrechen anzuerkennen.
Stalinbild im heutigen Russland
Seit dem Amtsantritt Wladimir Putins 2000 ist in Russland ein schrittweiser Wandel im Umgang mit Stalin zu beobachten. Während in den 1990er-Jahren die kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus relativ offen geführt wurde, ist seither eine zunehmende Rehabilitierung seiner Person in Teilen der Öffentlichkeit und Politik festzustellen. Diese Entwicklung ist nicht nur Resultat staatlicher Einflussnahme auf das Geschichtsnarrativ, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche und einer wachsenden Sehnsucht nach nationaler Stärke und Stabilität.
Offizielle Gedenkpolitik und Schulbuchinhalte betonen heute verstärkt Stalins Rolle als militärischer Führer im „Großen Vaterländischen Krieg“. Die Repressionen werden zwar nicht völlig geleugnet, aber relativiert, indem sie als notwendige Maßnahmen im historischen Kontext dargestellt werden. Der Personenkult kehrt in abgeschwächter Form zurück: Büsten, Gedenktafeln und positive Umfragen zur Wahrnehmung Stalins belegen, dass ein nicht unerheblicher Teil der russischen Bevölkerung ihn heute wieder als „effektiven Führer“ wahrnimmt.
Der staatliche Umgang mit Organisationen wie Memorial, das 2021 verboten wurde, zeigt, dass eine umfassende kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus nicht gewünscht ist. Historische Verantwortung wird durch Betonung von Opferrollen im Zweiten Weltkrieg verdrängt. Diese Tendenzen sind Teil einer allgemeinen autoritären Rückentwicklung, in der staatliche Geschichtspolitik zunehmend der politischen Stabilisierung und nationalen Identitätsstiftung dient. Stalin fungiert dabei als Projektionsfläche für Ordnung, Macht und Kontrolle – Werte, die in Putins Russland ideologisch aufgewertet werden.