Josef Stalin

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Josef Stalin wurde am 18. Dezember 1878 als Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili im georgischen Gori geboren. Nach einer theologischen Ausbildung in Tiflis wandte er sich früh dem Marxismus zu und schloss sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands an. Innerhalb der bolschewistischen Fraktion stieg er rasch auf und war vor allem für logistische Aufgaben und die Organisation von Parteistrukturen im Untergrund zuständig. Mehrere Verhaftungen und Verbannungen unter dem zaristischen Regime kennzeichneten seinen Werdegang vor der Revolution.

Nach der Februarrevolution 1917 kehrte Stalin aus der Verbannung zurück und wurde Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki. In der Oktoberrevolution spielte er keine zentrale militärische Rolle, war aber als enger Vertrauter Lenins in die innerparteilichen Entscheidungsprozesse eingebunden. Bereits zu dieser Zeit nutzte er seine Funktionen systematisch, um sich Machtpositionen zu sichern. 1922 wurde er zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei ernannt, eine Position, die er zum Ausgangspunkt seiner späteren Alleinherrschaft machte.

Das Verhältnis zu Lenin war von Ambivalenz geprägt. Während Lenin Stalin anfangs schätzte, äußerte er später erhebliche Bedenken hinsichtlich dessen Charakter und Machtanspruch. In seinem politischen Testament warnte Lenin davor, Stalin zu viel Einfluss zu gewähren, was jedoch nach seinem Tod 1924 von den Parteigremien ignoriert wurde. Stalin verstand es, innerparteiliche Rivalen wie Trotzki, Kamenew und Sinowjew durch geschickte Bündnispolitik und Intrigen zu entmachten und sich in den folgenden Jahren als unangefochtener Führer der Sowjetunion zu etablieren.

Herrschaft und Repressionssystem

Nach der Ausschaltung seiner politischen Gegner entwickelte Stalin in den 1930er-Jahren ein autoritäres Herrschaftssystem, das auf Personenkult, Gewalt und umfassender Kontrolle basierte. Die Industrialisierung wurde durch Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begleitet, was besonders in der Ukraine zur Hungersnot von 1932/33 (Holodomor) führte, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen. Historiker bewerten diese Ereignisse zunehmend als gezielt herbeigeführte politische Maßnahme zur Unterwerfung der Bauernschaft und als Genozid am ukrainischen Volk.

Zwischen 1936 und 1938 erreichte der Terror unter Stalin seinen Höhepunkt. In den sogenannten „Großen Säuberungen“ wurden große Teile des Parteiapparats, des Militärs und der Intelligenzija systematisch verfolgt. Schauprozesse, willkürliche Verhaftungen, Folter und Massenexekutionen prägten das Klima in der Sowjetunion. Gleichzeitig wurde das Gulag-System ausgebaut, in dem Millionen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Auch ethnische Minderheiten wie Polen, Deutsche oder Tataren wurden Opfer gezielter Deportationen und Repressionen.

Stalins Macht basierte auf einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat, der Bevölkerung, Partei und Armee gleichermaßen durchdrang. Die Kontrolle über Informationen, Geschichtsschreibung und Bildung diente der ideologischen Absicherung seiner Herrschaft. Die Verbrechen Stalins wurden von offizieller Seite lange verschwiegen oder gerechtfertigt, teils unter Berufung auf den angeblichen Schutz der Revolution oder die Erfordernisse des sozialistischen Aufbaus.

Entstalinisierung und spätere Neubewertungen

Nach Stalins Tod 1953 kam es innerhalb der sowjetischen Führung zu Machtverschiebungen. Nikita Chruschtschow, der ab 1956 die Führung übernahm, leitete mit seiner „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag eine Phase der sogenannten Entstalinisierung ein. Er kritisierte die Exzesse der Repressionen und den Personenkult um Stalin und versuchte, die Partei wieder auf kollektive Führung auszurichten. Viele politische Gefangene wurden rehabilitiert, das Gulag-System wurde zurückgebaut, und der Personenkult offiziell verurteilt.

Trotzdem blieb das Verhältnis zum Stalin-Erbe widersprüchlich. Einerseits wurde seine Rolle im Zweiten Weltkrieg weiterhin hervorgehoben, andererseits mied die offizielle Geschichtsschreibung lange eine umfassende Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen. Erst in der Zeit der Perestroika unter Michail Gorbatschow ab Mitte der 1980er-Jahre wurde der öffentliche Diskurs offener. Zahlreiche bisher geheim gehaltene Dokumente wurden zugänglich gemacht, und Organisationen wie Memorial begannen mit der systematischen Dokumentation der Repressionen.

In dieser Phase setzte sich zunehmend die historische Erkenntnis durch, dass Stalins Politik nicht nur Ausdruck persönlicher Grausamkeit, sondern ein systemisches Ergebnis eines autoritären Modells von Sozialismus war, das auf Gewalt, Zwang und Kontrolle basierte. Die Perestroika markierte somit einen Wendepunkt in der sowjetischen Erinnerungskultur, die erstmals versuchte, Opferperspektiven ernst zu nehmen und die staatliche Verantwortung für die Verbrechen anzuerkennen.

Stalinbild im heutigen Russland

Seit dem Amtsantritt Wladimir Putins 2000 ist in Russland ein schrittweiser Wandel im Umgang mit Stalin zu beobachten. Während in den 1990er-Jahren die kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus relativ offen geführt wurde, ist seither eine zunehmende Rehabilitierung seiner Person in Teilen der Öffentlichkeit und Politik festzustellen. Diese Entwicklung ist nicht nur Resultat staatlicher Einflussnahme auf das Geschichtsnarrativ, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche und einer wachsenden Sehnsucht nach nationaler Stärke und Stabilität.

Offizielle Gedenkpolitik und Schulbuchinhalte betonen heute verstärkt Stalins Rolle als militärischer Führer im „Großen Vaterländischen Krieg“. Die Repressionen werden zwar nicht völlig geleugnet, aber relativiert, indem sie als notwendige Maßnahmen im historischen Kontext dargestellt werden. Der Personenkult kehrt in abgeschwächter Form zurück: Büsten, Gedenktafeln und positive Umfragen zur Wahrnehmung Stalins belegen, dass ein nicht unerheblicher Teil der russischen Bevölkerung ihn heute wieder als „effektiven Führer“ wahrnimmt.

Der staatliche Umgang mit Organisationen wie Memorial, das 2021 verboten wurde, zeigt, dass eine umfassende kritische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus nicht gewünscht ist. Historische Verantwortung wird durch Betonung von Opferrollen im Zweiten Weltkrieg verdrängt. Diese Tendenzen sind Teil einer allgemeinen autoritären Rückentwicklung, in der staatliche Geschichtspolitik zunehmend der politischen Stabilisierung und nationalen Identitätsstiftung dient. Stalin fungiert dabei als Projektionsfläche für Ordnung, Macht und Kontrolle – Werte, die in Putins Russland ideologisch aufgewertet werden.