Hass und Hetze
Der Begriff „Hass und Hetze“ ist in den letzten Jahren zu einer festen Wendung im politischen, medialen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch geworden. Er taucht in Schlagzeilen, Gesetzesdebatten und Social-Media-Kommentaren gleichermaßen auf und dient oft als moralischer Marker: Wer so bezeichnet wird, gilt als jemand, der Grenzen überschritten hat. Doch gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der der Ausdruck verwendet wird, macht ihn problematisch. Denn er wird nicht nur für eindeutig gewaltfördernde oder menschenverachtende Aussagen genutzt, sondern zunehmend auch für scharfe Kritik, provokante Meinungen oder unpopuläre Standpunkte. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen tatsächlicher Hetze und dem normalen Streit der Meinungen – mit erheblichen Folgen für die Meinungsfreiheit.
Definition
„Hass“ beschreibt eine starke, oft emotionale Ablehnung gegenüber Personen oder Gruppen. „Hetze“ meint das gezielte Anstacheln anderer, um Ablehnung, Ausgrenzung oder sogar Gewalt zu fördern. In ihrer ursprünglichen Bedeutung handelt es sich um klar unterscheidbare Phänomene: Hass ist ein Gefühl, Hetze eine Handlung mit Absicht. Heute werden die Begriffe oft zusammen als Sammelbegriff verwendet – besonders in politischen Debatten und Gesetzestexten. Während das Strafrecht in Deutschland klare Kriterien vorgibt, wann etwa Volksverhetzung oder Bedrohung vorliegt, ist der alltagssprachliche Gebrauch viel weiter gefasst. Das führt dazu, dass „Hass und Hetze“ nicht immer nur das bezeichnet, was tatsächlich gefährlich ist, sondern auch Inhalte, die schlicht provozieren oder vom gesellschaftlichen Konsens abweichen.
Kritische Betrachtung
Die größte Schwäche des Begriffs liegt in seiner Unschärfe. Wer „Hass und Hetze“ sagt, legt damit oft schon das Urteil fest, ohne den konkreten Inhalt sachlich zu prüfen. So wird aus einem politischen Gegner schnell ein „Hetzer“, selbst wenn seine Aussagen rechtlich einwandfrei sind. Diese Praxis birgt das Risiko, dass der Begriff als Kampfbegriff missbraucht wird – nicht nur, um tatsächliche Hetze zu benennen, sondern auch, um unliebsame Meinungen aus dem Diskurs zu drängen. In sozialen Netzwerken führt das oft zu voreiligen Sperrungen und Löschungen, weil Betreiber auf Nummer sicher gehen wollen. Das kann eine abschreckende Wirkung auf kritische Stimmen haben.
Hinzu kommt: Wenn fast jede harte oder polemische Aussage unter „Hass und Hetze“ fällt, verliert der Begriff seine Schärfe. Wirklich gefährliche Hetze – die zu Gewalt anstachelt oder Menschen systematisch entwürdigt – wird dann nicht mehr klar von harter, aber legitimer Kritik unterschieden. Das kann langfristig dazu führen, dass der Schutz vor echter Hetze geschwächt wird, weil das Wort inflationär benutzt wird.
Ein kritischer Umgang mit dem Begriff ist deshalb notwendig. Er sollte nur dort eingesetzt werden, wo tatsächlich gezielte Aufstachelung oder massive Herabwürdigung vorliegt. Andernfalls droht er, mehr zur Einschränkung der Debatte beizutragen als zum Schutz vor verbalem Extremismus. Eine offene Gesellschaft braucht klare Begriffe – und die Bereitschaft, zwischen scharfer Meinung und echter Hetze zu unterscheiden.