Kulaken
Der Begriff "Kulaken" bezeichnete in Russland ursprünglich wohlhabendere Bauern, die im Vergleich zu anderen Dorfbewohnern über mehr Land, Vieh oder Arbeitskräfte verfügten. Schon im 19. Jahrhundert galt er als eine Bezeichnung für Bauern, die durch Pacht, Handel oder Kreditvergabe Einfluss im Dorf gewannen. Mit der Oktoberrevolution 1917 und dem Machtantritt der Bolschewiki bekam der Begriff jedoch eine neue, politische Bedeutung. Er wurde nun nicht mehr nur als soziale Beschreibung verstanden, sondern als Schlagwort für eine ganze Gruppe von „Klassenfeinden“ auf dem Land. In den 1920er Jahren sprach die sowjetische Führung von den Kulaken als einer eigenständigen Schicht, die sich durch Ausbeutung anderer Bauern bereichere und daher im Widerspruch zu den Zielen der sozialistischen Gesellschaft stehe.
Besondere Brisanz erhielt die Bezeichnung während der Kollektivierung der Landwirtschaft Ende der 1920er Jahre. Unter Josef Stalin begann die zwangsweise Zusammenlegung von Einzelhöfen zu großen Kolchosen und Sowchosen. Der Widerstand vieler Bauern, die ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten, wurde von der sowjetischen Führung als "Kulakenaufstand" interpretiert. Darauf folgte eine gezielte Kampagne gegen die vermeintlichen "Kulaken". Die Regierung ordnete ihre Enteignung, Vertreibung und Deportation an. Ganze Familien wurden in entfernte Regionen wie Sibirien, Kasachstan oder den hohen Norden gebracht. Dort mussten sie oft unter schwierigen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Der Begriff "Kulak" wurde dabei sehr weit gefasst: Nicht nur wohlhabendere Bauern, sondern auch einfache Dorfbewohner, die Widerstand leisteten oder als unzuverlässig galten, konnten so bezeichnet werden.
Die Politik gegen die Kulaken führte zu massiven sozialen Verwerfungen. Millionen Menschen waren betroffen, viele verloren ihr Zuhause, ihre Existenz und ihr Leben. Historiker schätzen, dass Hunderttausende in Lagern oder während der Deportationen starben. Zugleich schwächte die Kampagne die landwirtschaftliche Produktion erheblich. In Verbindung mit der Zwangskollektivierung und staatlichen Getreideabgaben trug sie zu schweren Hungersnöten bei, darunter zur Hungersnot in der Ukraine 1932/33 (Holodomor). Der Begriff "Kulak" blieb noch lange nach den 1930er Jahren in der sowjetischen Gesellschaft präsent, verlor jedoch später an politischer Schärfe. Heute wird er vor allem im historischen Zusammenhang verwendet, um die Rolle dieser Bauern und die Folgen ihrer Verfolgung im Stalinismus zu beschreiben.