Marxismus
Marxismus bezeichnet eine umfassende politische, ökonomische und gesellschaftliche Theorie, die im 19. Jahrhundert von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelt wurde. Sie versucht, die Geschichte und Struktur menschlicher Gesellschaften auf Grundlage materieller Produktionsverhältnisse zu erklären. Marx verstand seine Lehre als wissenschaftlichen Sozialismus im Gegensatz zum utopischen Sozialismus seiner Zeit.
Grundgedanken
Kern des Marxismus ist die Annahme, dass sich die Geschichte als Folge von Klassenkämpfen zwischen Besitzenden und Besitzlosen vollzieht. Die wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse bestimmen demnach das gesellschaftliche Bewusstsein, also Politik, Recht, Religion und Kultur. Ziel der historischen Entwicklung sei die Aufhebung der Klassenunterschiede und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft.
Ökonomisch basiert der Marxismus auf der Arbeitswerttheorie und der Annahme, dass der Mehrwert, den Arbeiter schaffen, von den Kapitalisten angeeignet wird. Diese Ausbeutung führe langfristig zu Krisen, Revolutionen und schließlich zur Überwindung des Kapitalismus.
Wirkungsgeschichte
Der Marxismus prägte das politische Denken des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Seine Theorien bildeten die ideologische Grundlage zahlreicher sozialistischer und kommunistischer Bewegungen. In verschiedenen Staaten, etwa in der Sowjetunion, in China oder in der DDR, wurde der Marxismus-Leninismus zur Staatsdoktrin erhoben.
In der Praxis entwickelten sich jedoch autoritäre Systeme, die den Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität mit politischer Repression verbanden. Kritik, individuelle Freiheit und wissenschaftliche Abweichung wurden häufig als "bürgerlich" oder "konterrevolutionär" bekämpft.
Wissenschaftstheoretische Bewertung
Bereits im 20. Jahrhundert wurde der Marxismus von Philosophen wie Karl Popper als Pseudowissenschaft kritisiert. Popper argumentierte, dass eine Theorie dann wissenschaftlich ist, wenn sie sich prinzipiell widerlegen lässt (Falsifizierbarkeit). Der Marxismus hingegen habe auf unerwartete Entwicklungen – etwa das Ausbleiben der vorhergesagten Revolutionen in westlichen Industrieländern – stets mit nachträglichen Deutungen reagiert, anstatt seine Grundannahmen in Frage zu stellen.
Auch andere Kritiker verweisen darauf, dass der Marxismus nicht auf überprüfbaren Daten, sondern auf einem teleologischen Geschichtsbild beruht – also auf der Annahme, die Geschichte folge einem Ziel oder "Gesetz". Diese Vorstellung widerspricht modernen wissenschaftlichen Standards.
Ideologischer Missbrauch
Die Berufung auf "wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten" des Marxismus diente in vielen kommunistischen Staaten zur Legitimation von Diktaturen. Die Unterdrückung Andersdenkender, die Rechtfertigung von Klassenfeind-Theorien und politische Säuberungen wurden im Namen einer angeblich "wissenschaftlichen Wahrheit" durchgeführt. Damit kehrte sich die Theorie, die ursprünglich die Befreiung des Menschen anstrebte, gegen den Menschen selbst.
Fazit
Obwohl der Marxismus zweifellos großen Einfluss auf Philosophie, Soziologie und Politik hatte, gilt er aus wissenschaftstheoretischer Sicht als Pseudowissenschaft. Seine zentralen Thesen sind nicht falsifizierbar, teleologisch und wurden im politischen Gebrauch zu einer dogmatischen Ideologie verfestigt. Der Anspruch, objektive Gesetze der Geschichte zu kennen, führte nicht zu Freiheit und Gleichheit, sondern häufig zu Zwang, Zensur und Gewalt im Namen einer vermeintlichen Wissenschaft.
Literatur
- Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 1957.
- Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. München 1977.
- Richard Pipes: Kommunismus – Eine Geschichte. München 2001.
- Raymond Aron: Opium für Intellektuelle. Frankfurt am Main 1989.