Diktatur des Proletariats

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Die Diktatur des Proletariats ist ein politischer Begriff aus der marxistischen Theorie. Gemeint ist damit eine Übergangsphase zwischen dem Sturz der bestehenden Klassenherrschaft – meist verstanden als die Macht der Bourgeoisie – und dem angestrebten klassenlosen Kommunismus. In dieser Phase soll die Arbeiterklasse (das Proletariat) die politische Macht übernehmen, um die Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Der Ausdruck entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Umfeld von Karl Marx und Friedrich Engels. Sie verstanden darunter nicht eine willkürliche oder persönliche Herrschaft, sondern eine Form von Demokratie, in der die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung über die politischen und wirtschaftlichen Strukturen bestimmt.

Im politischen Alltag bekam der Begriff jedoch eine andere Bedeutung. In der Sowjetunion wurde er nach der Oktoberrevolution 1917 als Rechtfertigung für den Machtanspruch der Bolschewiki unter Lenin und später unter Stalin genutzt. Die Partei erklärte, dass sie im Namen des Proletariats handle und damit die Diktatur des Proletariats verwirkliche. Praktisch bedeutete dies jedoch nicht eine Herrschaft der Arbeiter selbst, sondern eine starke Konzentration von Macht in den Händen der kommunistischen Führung. Politische Opposition, freie Wahlen oder eine unabhängige Presse wurden mit dem Hinweis abgelehnt, sie seien Werkzeuge der alten Klassenherrschaft und würden den Aufbau des Sozialismus behindern.

Die Vorstellung der Diktatur des Proletariats blieb über Jahrzehnte ein zentrales Element in den Programmen vieler kommunistischer Parteien weltweit. Sie diente sowohl als theoretisches Modell als auch als politische Legitimation. In der Realität nahm sie jedoch oft Formen an, die eher einer autoritären Einparteienherrschaft entsprachen. Kritiker sehen darin den Bruch mit der ursprünglichen Idee von Marx, während Befürworter argumentieren, dass unter den historischen Bedingungen kein anderer Weg möglich gewesen sei. Heute wird der Begriff meist historisch oder ideengeschichtlich diskutiert. Er gilt als Schlüssel zum Verständnis der politischen Praxis der kommunistischen Staaten im 20. Jahrhundert und wirft zugleich die Frage auf, wie sich Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit mit politischer Macht verbinden lassen.