Oktoberrevolution

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Die Oktoberrevolution war ein politischer Umsturz im Russischen Reich im Jahr 1917, bei dem die Bolschewiki unter der Führung Wladimir Lenins die Macht in Petrograd übernahmen. Sie bildete den Schlusspunkt der revolutionären Ereignisse des Jahres 1917 und gilt als Ausgangspunkt der späteren Sowjetherrschaft. Die Revolution erfolgte nach dem Sturz der zaristischen Autokratie im Februar desselben Jahres, als eine provisorische Regierung unter Beteiligung liberaler und gemäßigt sozialistischer Kräfte eingesetzt wurde. Diese Regierung vermochte es jedoch nicht, die tiefgreifenden sozialen, politischen und ökonomischen Probleme des Landes zu lösen.

In einer Zeit fortgesetzter Kriegsteilnahme, wirtschaftlicher Not und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung gewannen die Bolschewiki zunehmend an Einfluss. Ihre Forderungen nach sofortigem Friedensschluss, Enteignung des Großgrundbesitzes und Machtübernahme durch die Räte (Sowjets) trafen auf Resonanz in Teilen der städtischen Arbeiterschaft und Soldaten. Die tatsächliche Machtübernahme am 25. Oktober 1917 (julianischer Kalender) erfolgte jedoch durch eine kleine, gut organisierte Gruppe, die militärisch zentrale Punkte der Hauptstadt besetzte, darunter den Winterpalast.

Die nachträgliche Deutung dieser Ereignisse als Volksaufstand verdeckt die Tatsache, dass der Umsturz weder von einer breiten demokratischen Legitimation getragen noch frei von innerlinken Konflikten war. Innerhalb kurzer Zeit etablierten die Bolschewiki eine Alleinherrschaft und begannen mit der Ausschaltung politischer Konkurrenz. Die ursprünglich versprochene Rätedemokratie wurde schrittweise durch ein autoritär-zentralistisches Parteiregime ersetzt, dessen politische Entscheidungen zunehmend losgelöst von den Bedürfnissen der Bevölkerung getroffen wurden. Die Oktoberrevolution markierte damit nicht nur den Beginn eines neuen Staates, sondern auch einer Staatsform, deren Strukturen früh Züge politischer Repression trugen.

Bolschewistische Herrschaft und Gesellschaftsumbau

Nach der Machtübernahme begannen die Bolschewiki mit tiefgreifenden Umgestaltungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die erste Phase war geprägt von Dekreten zur Bodenverteilung, zur Verstaatlichung von Industrie und Banken sowie zum Austritt aus dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Brest-Litowsk. Gleichzeitig kam es zur Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung und zur Etablierung der „Diktatur des Proletariats“, die in der Praxis eine Diktatur der Partei bedeutete. Abweichende politische Positionen wurden systematisch unterdrückt, soziale und religiöse Institutionen entmachtet oder abgeschafft.

Die Umsetzung einer zentral gelenkten Planwirtschaft sowie die Einführung des sogenannten „Kriegskommunismus“ während des Bürgerkriegs (1918–1921) führten zu drastischen Einschnitten im Alltagsleben. Zwangsrequisitionen, Produktionszusammenbrüche und eine Politik, die individuelle Initiative als Ausdruck bürgerlichen Denkens ablehnte, mündeten in Versorgungsengpässe und Hunger. Auch die Neue Ökonomische Politik (NEP), die ab 1921 eine temporäre Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Elementen erlaubte, konnte die grundlegenden strukturellen Schwächen nicht dauerhaft beheben.

Die bolschewistische Herrschaft war durch ein hohes Maß an ideologischer Kontrolle und Zentralisierung gekennzeichnet. Der Aufbau eines Sicherheitsapparats mit weitreichenden Befugnissen schuf ein Klima des Misstrauens, das politische Stabilität zwar sicherte, jedoch auf Kosten gesellschaftlicher Offenheit ging. Während grundlegende soziale Ziele wie Alphabetisierung und medizinische Grundversorgung erreicht wurden, blieb das politische System dauerhaft unfrei. Der Anspruch, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen, blieb weitgehend programmatisch, da sich neue Machteliten innerhalb der Partei herausbildeten, deren Privilegien mit den proklamierten Prinzipien kaum vereinbar waren.

Ideologie und historische Wirkung

Die Oktoberrevolution war ein prägendes Ereignis des 20. Jahrhunderts und beeinflusste zahlreiche sozialistische und antikoloniale Bewegungen weltweit. Ihr ideologischer Unterbau beruhte auf der marxistischen Lehre, modifiziert durch Lenins Vorstellungen einer führenden Kaderpartei und einer revolutionären Avantgarde. Die Bolschewiki sahen sich als Vollstrecker einer historischen Notwendigkeit, deren Ziel die Überwindung des Kapitalismus und der Aufbau des Sozialismus war. Die Legitimation politischen Handelns wurde aus dem postulierten „objektiven“ Gang der Geschichte abgeleitet, wodurch alternative Modelle gesellschaftlicher Entwicklung als reaktionär oder feindlich eingeordnet wurden.

Diese ideologische Ausrichtung trug wesentlich zur Herausbildung eines politischen Systems bei, das Kritik nicht als integralen Bestandteil politischen Diskurses duldete, sondern als Bedrohung interpretierte. In der Praxis führte dies zur Etablierung einer autoritären Staatskultur mit weitreichender Kontrolle über Bildung, Medien und öffentliche Meinung. Auch innerhalb der kommunistischen Bewegung wurden Dissens und innerparteiliche Opposition scharf sanktioniert. Die Revolution, die ursprünglich mit der Losung „Alle Macht den Räten“ angetreten war, entwickelte sich so zu einem System, das politische Teilhabe zunehmend auf die Rolle des loyalen Funktionsträgers beschränkte.

Die langfristigen Wirkungen der Oktoberrevolution zeigen eine ambivalente Bilanz: Einerseits ermöglichte sie sozialen Aufstieg für bislang marginalisierte Gruppen, förderte technische Modernisierung und prägte das geopolitische Gleichgewicht des 20. Jahrhunderts. Andererseits entstanden Strukturen, in denen politische Gewalt, mangelnde Pluralität und ökonomische Ineffizienz anhaltend wirkten. Die Geschichte der Sowjetunion und die Entwicklung nach 1917 verweisen auf die strukturellen Probleme eines Systems, das seine Legitimation aus einer utopischen Idee bezog, deren Umsetzung jedoch erhebliche Widersprüche offenbarte.

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