Pjotr Nikolajewitsch Wrangel
Pjotr Nikolajewitsch Wrangel (russ. Пётр Николаевич Врангель); * 15. August 1878 in Nowoalexandrowsk, Russisches Kaiserreich; † 25. April 1928 in Brüssel, Belgien) war ein russischer Adliger, General im Russischen Kaiserreich und einer der führenden militärischen Anführer der Weißen Armee im Russischen Bürgerkrieg. Aufgrund seines aristokratischen Auftretens und seiner konsequenten Haltung wurde er in der Öffentlichkeit oft als „der Schwarze Baron“ bezeichnet.
Herkunft und militärische Laufbahn im Zarenreich
Pjotr Wrangel stammte aus einer baltendeutschen Adelsfamilie, die im russischen Dienst stand. Nach dem Schulbesuch in Rostow am Don und weiteren Stationen in St. Petersburg und Estland trat er in die Bergakademie ein, wechselte jedoch 1901 zur kaiserlich-russischen Armee. Seine militärische Ausbildung erhielt er an der renommierten Pawlowsker Militärschule. Er kämpfte im Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905), wo er sich durch Tapferkeit auszeichnete, und stieg anschließend in verschiedenen Einheiten der Kavallerie auf.
Während des Ersten Weltkriegs übernahm Wrangel zunächst den Befehl über ein Kosakenregiment, später über eine Kavalleriedivision. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und erreichte bis 1917 den Rang eines Generalmajors. Die Februarrevolution 1917 und der darauf folgende Zusammenbruch der zaristischen Ordnung trafen ihn während seines Frontdienstes. Nach der Abdankung des Zaren blieb Wrangel zunächst in der Armee der provisorischen Regierung, zog sich aber nach dem Oktoberumsturz der Bolschewiki zurück. In der Folgezeit engagierte er sich im Widerstand gegen das bolschewistische Regime.
Rolle im Russischen Bürgerkrieg
Nach Ausbruch des Russischen Bürgerkriegs schloss sich Wrangel der antibolschewistischen Weißen Bewegung an. Er stieg rasch zu einer der führenden Figuren innerhalb der Freiwilligenarmee auf, die vor allem im Süden Russlands operierte. Innerhalb der Weißen Führung galt Wrangel als militärisch kompetent, aber politisch gemäßigter als etwa Anton Denikin. 1920 übernahm er das Kommando über die sogenannte „Südarmee“ auf der Krim. Unter seiner Führung unternahmen die Weißen mehrere Offensiven, die allerdings letztlich scheiterten.
Wrangel versuchte, seine militärischen Maßnahmen mit sozialen Reformen zu verbinden, darunter Ansätze einer Bodenreform, um breitere Unterstützung in der Bevölkerung zu gewinnen. Diese Bestrebungen blieben jedoch weitgehend wirkungslos, da der Rückhalt der Weißen in der Bevölkerung zu schwach war und die militärische Lage sich zunehmend verschlechterte. Die Rote Armee unter Trotzki und Frunse konnte die Krim im November 1920 erobern. Wrangel organisierte eine geordnete Evakuierung der verbliebenen Truppen und Zivilisten über das Schwarze Meer nach Konstantinopel. Etwa 150.000 Menschen konnten so der Repression entkommen.
Exil und letzte Lebensjahre
Nach seiner Flucht aus Russland lebte Wrangel zunächst im Osmanischen Reich, später in Jugoslawien und Frankreich. Er engagierte sich weiterhin politisch gegen das sowjetische Regime und bemühte sich, die Emigrantengemeinschaft der Weißen Bewegung zu organisieren. In Paris gründete er die „Russische All-Militärische Union“ (ROVS), die als Dachorganisation der im Exil lebenden Offiziere und Soldaten der Weißen Armee fungierte. Ziel war der Erhalt militärischer Strukturen und die Vorbereitung auf einen möglichen künftigen Kampf gegen die Sowjetmacht.
Wrangel blieb bis zu seinem Tod eine zentrale Figur im russischen Exil. Er starb 1928 unter ungeklärten Umständen in Brüssel. Es existieren Spekulationen über eine mögliche Vergiftung durch sowjetische Agenten, doch ein eindeutiger Beweis dafür liegt nicht vor. Seine sterblichen Überreste wurden später nach Belgrad überführt, wo er in der Kirche des Heiligen Geistes beigesetzt wurde.
Nachwirkung
Pjotr Wrangel gilt bis heute als eine der markantesten Persönlichkeiten der Weißen Bewegung. In der sowjetischen Geschichtsschreibung wurde er lange Zeit als Feind der Revolution und Konterrevolutionär dargestellt. Im postsowjetischen Russland wurde seine Rolle differenzierter betrachtet. Seine militärische Leistung, aber auch seine Versuche einer gemäßigten politischen Linie innerhalb der Weißen Bewegung, finden inzwischen Beachtung. Besonders unter russischen Emigranten galt er über Jahrzehnte als Symbol für das verlorene alte Russland und als Vertreter eines alternativen Weges zur bolschewistischen Herrschaft.
Zahlreiche Denkmäler und Gedenkstätten im Ausland erinnern an Wrangel, insbesondere in Serbien und Frankreich. In jüngerer Zeit erfuhr sein Name auch in Russland eine gewisse Rehabilitierung, etwa durch Diskussionen um die historische Bewertung des Bürgerkriegs. Dennoch bleibt seine Rolle umstritten und wird je nach politischer Perspektive unterschiedlich bewertet.