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Die '''Bolschewiki''' waren eine radikale Fraktion innerhalb der russischen [[Sozialdemokratie]], die sich 1903 auf dem zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) formierte. Die Bezeichnung geht auf das russische Wort für "Mehrheit" (большинство) zurück, da die Gruppe um [[Wladimir Iljitsch Lenin]] bei einem Abstimmungspunkt eine knappe Mehrheit erzielte. Ideologisch beriefen sich die Bolschewiki auf die Schriften von [[Karl Marx]], vertraten jedoch eine straff zentralisierte Parteistruktur mit einer revolutionären Avantgarde als führendem Element. | Die '''Bolschewiki''' (auch ''Bolschewisten'') waren eine radikale Fraktion innerhalb der russischen [[Sozialdemokratie]], die sich 1903 auf dem zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) formierte. Die Bezeichnung geht auf das russische Wort für "Mehrheit" (большинство) zurück, da die Gruppe um [[Wladimir Iljitsch Lenin]] bei einem Abstimmungspunkt eine knappe Mehrheit erzielte. Ideologisch beriefen sich die Bolschewiki auf die Schriften von [[Karl Marx]], vertraten jedoch eine straff zentralisierte Parteistruktur mit einer revolutionären Avantgarde als führendem Element. | ||
Die Gruppe propagierte den sofortigen Sturz der [[zar]]istischen [[Autokratie]] durch eine sozialistische Revolution und unterschied sich damit in Strategie und Organisation deutlich von anderen Fraktionen der Arbeiterbewegung. Die Spaltung von den moderateren [[Menschewiki]] verfestigte sich in den Jahren nach 1903, nicht nur organisatorisch, sondern auch in der politischen Praxis. Während die Menschewiki auf eine breitere Arbeiterbewegung und auf evolutionäre Entwicklungen setzten, strebten die Bolschewiki eine sofortige Machtergreifung durch eine kleine, disziplinierte Kaderpartei an. | Die Gruppe propagierte den sofortigen Sturz der [[zar]]istischen [[Autokratie]] durch eine sozialistische Revolution und unterschied sich damit in Strategie und Organisation deutlich von anderen Fraktionen der Arbeiterbewegung. Die Spaltung von den moderateren [[Menschewiki]] verfestigte sich in den Jahren nach 1903, nicht nur organisatorisch, sondern auch in der politischen Praxis. Während die Menschewiki auf eine breitere Arbeiterbewegung und auf evolutionäre Entwicklungen setzten, strebten die Bolschewiki eine sofortige Machtergreifung durch eine kleine, disziplinierte Kaderpartei an. | ||
Nach der Oktoberrevolution 1917 übernahmen die Bolschewiki unter Lenins Führung die Macht in [[Russland]]. In der Folge wurde die Partei zur dominanten Kraft im entstehenden Sowjetstaat. 1918 benannte sie sich in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) um und schließlich 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). Mit der Machtübernahme begann ein umfassender Umbau der Gesellschaft nach bolschewistischem Verständnis, begleitet von Zwangsmaßnahmen, Parteisäuberungen und einer zunehmenden Repression gegen Andersdenkende, auch innerhalb der ehemals sozialistischen Bewegung. | Nach der Oktoberrevolution 1917 übernahmen die Bolschewiki unter Lenins Führung die Macht in [[Russland]]. In der Folge wurde die Partei zur dominanten Kraft im entstehenden Sowjetstaat. 1918 benannte sie sich in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) um und schließlich 1952 in [[Kommunistische Partei der Sowjetunion]] (KPdSU). Mit der Machtübernahme begann ein umfassender Umbau der Gesellschaft nach bolschewistischem Verständnis, begleitet von Zwangsmaßnahmen, Parteisäuberungen und einer zunehmenden Repression gegen Andersdenkende, auch innerhalb der ehemals sozialistischen Bewegung. | ||
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Ursprünglich verstand sich die bolschewistische Bewegung als Teil der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Mit dem Aufbau der Diktatur des Proletariats verengte sich jedoch ihr ideologisches Selbstverständnis zunehmend auf eine marxistisch-leninistische Doktrin, die jede Form innerparteilicher oder gesellschaftlicher Opposition als gefährlich einstufte. Die ursprünglichen pluralistischen Elemente des Marxismus wurden in der Praxis durch einen autoritären Parteistaat ersetzt, in dem Abweichung gleichbedeutend mit Feindseligkeit gegenüber der Revolution war. | Ursprünglich verstand sich die bolschewistische Bewegung als Teil der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Mit dem Aufbau der Diktatur des Proletariats verengte sich jedoch ihr ideologisches Selbstverständnis zunehmend auf eine marxistisch-leninistische Doktrin, die jede Form innerparteilicher oder gesellschaftlicher Opposition als gefährlich einstufte. Die ursprünglichen pluralistischen Elemente des [[Marxismus]] wurden in der Praxis durch einen autoritären Parteistaat ersetzt, in dem Abweichung gleichbedeutend mit Feindseligkeit gegenüber der Revolution war. | ||
Mit der Machtkonzentration unter Lenin und später [[Stalin]] wurde die Partei zur alleinigen Instanz politischer Wahrheit. Parteisäuberungen, Schauprozesse und das Verbot aller anderen sozialistischen Strömungen zementierten die bolschewistische Vorherrschaft. Im internationalen Maßstab trat die Bewegung zunehmend als kontrollierende Kraft in kommunistischen Parteien anderer Länder auf – vor allem über die Kommunistische Internationale (Komintern), die de facto ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik war. | Mit der Machtkonzentration unter Lenin und später [[Stalin]] wurde die Partei zur alleinigen Instanz politischer Wahrheit. Parteisäuberungen, Schauprozesse und das Verbot aller anderen sozialistischen Strömungen zementierten die bolschewistische Vorherrschaft. Im internationalen Maßstab trat die Bewegung zunehmend als kontrollierende Kraft in kommunistischen Parteien anderer Länder auf – vor allem über die Kommunistische Internationale (Komintern), die de facto ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik war. | ||
Die Nachwirkung der bolschewistischen Herrschaft prägt bis heute die historische Bewertung des Sozialismus im 20. Jahrhundert. Ihre Erfolge im Bereich der Alphabetisierung, Industrialisierung und sozialen Mobilität stehen in Spannung zu massiver Repression, staatlich organisierter Gewalt und einem weitgehenden Demokratiedefizit. | Die Nachwirkung der bolschewistischen Herrschaft prägt bis heute die historische Bewertung des Sozialismus im 20. Jahrhundert. Ihre Erfolge im Bereich der Alphabetisierung, Industrialisierung und sozialen Mobilität stehen in Spannung zu massiver Repression, staatlich organisierter Gewalt und einem weitgehenden Demokratiedefizit. Die Gleichsetzung von Sozialismus mit der autoritären Herrschaftsform der Bolschewiki prägte über Jahrzehnte die westliche Geschichtsschreibung. Einzelne spätere Versuche, diese Herrschaftsideologie ideengeschichtlich vom Sozialismusbegriff abzulösen, stießen jedoch häufig auf Kritik, da sie die realhistorischen Folgen der bolschewistischen Politik ausblendeten. | ||
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[[Kategorie:Sowjetunion]] | |||
Aktuelle Version vom 20. November 2025, 15:21 Uhr
Die Bolschewiki (auch Bolschewisten) waren eine radikale Fraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie, die sich 1903 auf dem zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) formierte. Die Bezeichnung geht auf das russische Wort für "Mehrheit" (большинство) zurück, da die Gruppe um Wladimir Iljitsch Lenin bei einem Abstimmungspunkt eine knappe Mehrheit erzielte. Ideologisch beriefen sich die Bolschewiki auf die Schriften von Karl Marx, vertraten jedoch eine straff zentralisierte Parteistruktur mit einer revolutionären Avantgarde als führendem Element.
Die Gruppe propagierte den sofortigen Sturz der zaristischen Autokratie durch eine sozialistische Revolution und unterschied sich damit in Strategie und Organisation deutlich von anderen Fraktionen der Arbeiterbewegung. Die Spaltung von den moderateren Menschewiki verfestigte sich in den Jahren nach 1903, nicht nur organisatorisch, sondern auch in der politischen Praxis. Während die Menschewiki auf eine breitere Arbeiterbewegung und auf evolutionäre Entwicklungen setzten, strebten die Bolschewiki eine sofortige Machtergreifung durch eine kleine, disziplinierte Kaderpartei an.
Nach der Oktoberrevolution 1917 übernahmen die Bolschewiki unter Lenins Führung die Macht in Russland. In der Folge wurde die Partei zur dominanten Kraft im entstehenden Sowjetstaat. 1918 benannte sie sich in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) um und schließlich 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). Mit der Machtübernahme begann ein umfassender Umbau der Gesellschaft nach bolschewistischem Verständnis, begleitet von Zwangsmaßnahmen, Parteisäuberungen und einer zunehmenden Repression gegen Andersdenkende, auch innerhalb der ehemals sozialistischen Bewegung.
Abgrenzung zu anderen sozialistischen Strömungen
Neben den Bolschewiki existierten im revolutionären Russland eine Vielzahl weiterer sozialistischer Gruppen, die sich in Zielen, Methoden und ideologischer Ausrichtung unterschieden. Die bekanntesten unter ihnen waren die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre (Essere) und kleinere anarchistische sowie linkssozialistische Gruppierungen.
Die Menschewiki unter Julius Martow traten für eine breite Arbeiterpartei ein und verfolgten einen evolutionären Weg zum Sozialismus. Sie standen parlamentarischen Strukturen offener gegenüber und waren weniger bereit, diktatorische Mittel zur Machtsicherung einzusetzen. Die Sozialrevolutionäre, deren Wurzeln teilweise auf populistische Bewegungen des 19. Jahrhunderts zurückgingen, legten ihren Fokus auf die Bauernschaft und vertraten ein agrarsozialistisches Programm. Eine ihrer radikalen Strömungen, die sogenannten linken Sozialrevolutionäre, kooperierten kurzzeitig mit den Bolschewiki, brachen jedoch nach dem Separatfrieden von Brest-Litowsk 1918 endgültig mit ihnen.
Nach der Konsolidierung der bolschewistischen Macht wurden diese konkurrierenden Gruppen systematisch aus dem politischen Leben entfernt. Viele ihrer Anhänger wurden verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet. In der sowjetischen Staatspropaganda wurden Menschewiki und Sozialrevolutionäre als "konterrevolutionär", "bürgerlich" oder "agentenhaft" diskreditiert. Ihr Wirken wurde aus offiziellen Darstellungen weitgehend getilgt oder negativ verzerrt. Dabei wurde unterschlagen, dass viele dieser Gruppen ursprünglich ebenfalls gegen den Zarismus kämpften und sich für soziale Reformen einsetzten.
Die Gleichsetzung oppositioneller Sozialisten mit Feinden des Sowjetstaates diente nicht nur der ideologischen Legitimation des bolschewistischen Alleinvertretungsanspruchs, sondern auch der nachträglichen Rechtfertigung von Repressionen. Erst in der Perestroika-Zeit der 1980er Jahre wurden viele dieser Bewegungen historisch differenzierter betrachtet.
Ideologische Entwicklung und Nachwirkung
Ursprünglich verstand sich die bolschewistische Bewegung als Teil der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Mit dem Aufbau der Diktatur des Proletariats verengte sich jedoch ihr ideologisches Selbstverständnis zunehmend auf eine marxistisch-leninistische Doktrin, die jede Form innerparteilicher oder gesellschaftlicher Opposition als gefährlich einstufte. Die ursprünglichen pluralistischen Elemente des Marxismus wurden in der Praxis durch einen autoritären Parteistaat ersetzt, in dem Abweichung gleichbedeutend mit Feindseligkeit gegenüber der Revolution war.
Mit der Machtkonzentration unter Lenin und später Stalin wurde die Partei zur alleinigen Instanz politischer Wahrheit. Parteisäuberungen, Schauprozesse und das Verbot aller anderen sozialistischen Strömungen zementierten die bolschewistische Vorherrschaft. Im internationalen Maßstab trat die Bewegung zunehmend als kontrollierende Kraft in kommunistischen Parteien anderer Länder auf – vor allem über die Kommunistische Internationale (Komintern), die de facto ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik war.
Die Nachwirkung der bolschewistischen Herrschaft prägt bis heute die historische Bewertung des Sozialismus im 20. Jahrhundert. Ihre Erfolge im Bereich der Alphabetisierung, Industrialisierung und sozialen Mobilität stehen in Spannung zu massiver Repression, staatlich organisierter Gewalt und einem weitgehenden Demokratiedefizit. Die Gleichsetzung von Sozialismus mit der autoritären Herrschaftsform der Bolschewiki prägte über Jahrzehnte die westliche Geschichtsschreibung. Einzelne spätere Versuche, diese Herrschaftsideologie ideengeschichtlich vom Sozialismusbegriff abzulösen, stießen jedoch häufig auf Kritik, da sie die realhistorischen Folgen der bolschewistischen Politik ausblendeten.