Große Säuberung

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Die Große Säuberung (russisch: Большая чистка, auch bekannt als Jeschowschtschina nach dem damaligen Chef des NKWD, Nikolai Jeschow) bezeichnet eine Serie politisch motivierter Repressionen, Massenverhaftungen, Schauprozesse und Hinrichtungen in der Sowjetunion zwischen 1936 und 1938. Unter der Führung Josef Stalins richtete sich diese Kampagne offiziell gegen vermeintliche „Volksfeinde“, „Spione“ und „Saboteure“. Tatsächlich diente sie in erster Linie der Festigung der Alleinherrschaft Stalins und der Ausschaltung politischer, militärischer und gesellschaftlicher Eliten, die als potenzielle Bedrohung für das stalinistische Machtsystem galten.

Im Zuge der Säuberung wurden zahlreiche prominente Parteimitglieder, darunter nahezu alle überlebenden Mitglieder des ehemaligen Zentralkomitees aus der Zeit Lenins, Opfer von Verhaftungen und Hinrichtungen. Besonders bekannt sind die sogenannten Moskauer Prozesse, in denen Angeklagte unter Folter zu absurden Geständnissen gezwungen und anschließend öffentlichkeitswirksam verurteilt wurden. Die Verfahren entsprachen in keinem Punkt rechtsstaatlichen Standards und dienten propagandistischen Zwecken. Die Verurteilungen waren vorab beschlossen und die Schuld der Angeklagten wurde nie ernsthaft geprüft.

Die Große Säuberung betraf jedoch nicht nur die Parteielite, sondern weitete sich rasch auf die gesamte Gesellschaft aus. Menschen aller sozialen Schichten – Arbeiter, Bauern, Wissenschaftler, Lehrer, Geistliche – gerieten unter Verdacht. Die Kriterien für Verhaftungen waren willkürlich, Denunziationen wurden gefördert, und selbst lose Kontakte zu Verurteilten konnten zur Verhaftung führen. Millionen Menschen wurden inhaftiert, verschleppt oder erschossen. Die Zahl der Todesopfer wird auf etwa 700.000 geschätzt, weitere Millionen verschwanden in den Straflagern des Gulag-Systems.

Ausweitung der Großen Säuberung auf die gesamte Gesellschaft

Was die Große Säuberung so schwer begreiflich macht, ist nicht nur die gezielte Ausschaltung politischer Rivalen – die sich aus Stalins Machtstreben noch irgendwie erklären lässt –, sondern die Tatsache, dass die Repression wie eine wuchernde Krankheit in alle Bereiche der Gesellschaft eindrang: Bauern, Lehrer, Arbeiter, Künstler, einfache Beamte, Wissenschaftler – niemand war sicher. Diese Ausweitung beruhte nicht allein auf Paranoia, sondern wurde regelrecht systematisiert: Der Geheimdienst NKWD erhielt Quoten, wie viele „Volksfeinde“ in einer Region zu verhaften oder zu erschießen seien, ähnlich wie in einer makabren Planwirtschaft. Diese Logik zwang lokale Funktionäre, willkürlich Menschen zu denunzieren, um die Vorgaben zu erfüllen und sich selbst zu schützen. So entstand eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens, die das soziale Gefüge zersetzte.

Die Politologin Jekaterina Schulmann beschreibt solche Dynamiken als eine Form der "Selbstreproduktion von Repressionen".[1] Sobald Machtstrukturen einmal erweiterte Befugnisse erhalten, entsteht ein Eigeninteresse, diese zu behalten und weiter auszubauen. Niemand in einem solchen System wird je erklären, die Gefahr sei gebannt – denn damit verlöre er seine Funktion. Stattdessen werden Bedrohungen ständig vergrößert dargestellt, um die eigenen Maßnahmen zu rechtfertigen. Dieses Prinzip lässt sich auf die 1930er-Jahre übertragen: Auch dort hatten Geheimdienst und lokale Kader ein unmittelbares Interesse daran, die Bedrohung durch "Feinde" immer weiter aufzublasen. Wer nicht selbst Opfer werden wollte, musste sich als besonders eifrig erweisen.

So entstand eine Spirale, die Schulmann als "repressive Inflation" beschreibt – eine sich selbst antreibende Eskalation, in der immer härtere Mittel als notwendig erscheinen. Was mit der Kontrolle vermeintlicher Gegner begann, weitete sich unaufhaltsam aus: erst Verhöre, dann Verhaftungen, schließlich Massenerschießungen. Die Repression wurde zu einem sich selbst erhaltenden Mechanismus, den niemand mehr stoppen konnte, weil jeder Beteiligte in seiner Logik gefangen war. Die Säuberung diente damit nicht nur der Machtsicherung, sondern auch der Selbsterhaltung eines Systems, das sich durch Angst und Gewalt selbst stabilisierte – bis es seine eigenen Träger verschlang.

Folgen und Einordnung

Die Große Säuberung markiert einen Höhepunkt politischer Gewalt im Stalinismus und offenbart die strukturelle Brutalität totalitärer Systeme. Der Versuch, eine vollständige ideologische Kontrolle über Gesellschaft und Staat herzustellen, führte zu einem Klima der Angst, in dem Loyalität nicht durch Überzeugung, sondern durch Unterwerfung erzwungen wurde. Der Staat agierte in einem Zustand permanenter Paranoia und richtete sich zunehmend gegen die eigene Bevölkerung.

Die Auswirkungen auf die sowjetische Gesellschaft waren tiefgreifend. Die politische Elite wurde fast vollständig ausgetauscht, oft durch linientreue, aber unqualifizierte Funktionäre. Das Militär verlor einen Großteil seiner erfahrenen Kommandeure, was gravierende Folgen für die Einsatzbereitschaft der Roten Armee hatte – insbesondere im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs. Das Bildungssystem, die Wissenschaft und die Kultur litten unter dem Verlust wichtiger Persönlichkeiten und unter wachsender Zensur.

Die Säuberungen zerstörten auch das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft. Misstrauen und Denunziation wurden zu festen Bestandteilen des Alltags. Öffentliche Solidarität wurde riskant, private Gespräche konnten gefährlich sein. Der stalinistische Kommunismus offenbarte sich nicht als Befreiungsbewegung, sondern als autoritäres Herrschaftsmodell, das auf Gewalt, Kontrolle und ideologischer Gleichschaltung beruhte. In diesem Kontext zeigt sich, dass der Kommunismus in seiner sowjetischen Ausprägung nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem politisch ein repressives System war, das individuelle Rechte systematisch negierte.

Historiker und Politikwissenschaftler betrachten die Große Säuberung heute als ein zentrales Element stalinistischer Machtausübung und als exemplarisches Beispiel für die Gefahren ideologisch begründeter Diktaturen. Die Aufarbeitung in Russland ist bis heute unvollständig. Offizielle Rehabilitierungen begannen erst unter Nikita Chruschtschow, doch eine vollständige juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung wurde nie erreicht. In Teilen der russischen Gesellschaft wird Stalin weiterhin positiv rezipiert, was auf eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hinweist.

Liste der prominenstesten Opfer der stalinistischen Repressionen

Name Geburtsjahr Sterbedatum Sterbeort Todesart Kurze Beschreibung
Grigori Sinowjew 1883 25. August 1936 Moskau (Lubjanka) Erschießung Bolschewistischer Revolutionär, Vorsitzender der Kommunistischen Internationale, enger Weggefährte Lenins
Lew Kamenew 1883 25. August 1936 Moskau (Lubjanka) Erschießung Führender Bolschewik, Mitglied des Politbüros, enger Mitarbeiter Lenins
Nikolai Bucharin 1888 15. März 1938 Moskau (Lubjanka) Erschießung Ökonom und Theoretiker der KPdSU, Herausgeber der „Prawda“, Gegner der Zwangskollektivierung
Alexei Rykow 1881 15. März 1938 Moskau (Lubjanka) Erschießung Nachfolger Lenins als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Premierminister)
Michail Tuchatschewski 1893 12. Juni 1937 Moskau Erschießung Marschall der Sowjetunion, führender Militärtheoretiker, Opfer der sogenannten „Säuberung des Militärs“
Jan Gamarnik 1894 31. Mai 1937 Moskau Suizid vor Verhaftung Chef der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee
Wsewolod Meyerhold 1874 2. Februar 1940 Moskau (Lubjanka) Erschießung Regisseur und Theaterreformer, Vertreter des sowjetischen Avantgardetheaters
Karl Radek 1885 19. Mai 1939 Verlies in Workuta Ermordung durch Mithäftlinge Kommunistischer Publizist und Theoretiker, Teilnehmer am Leipziger Prozess, Verurteilte im zweiten Moskauer Prozess
Robert Eiche 1890 4. Februar 1940 Moskau Erschießung Lettischer Bolschewik, Volkskommissar für Landwirtschaft, Mitglied des ZK
Gustav Klutsis 1895 26. Februar 1938 Moskau Erschießung Avantgarde-Künstler und Fotomontage-Pionier, Verfechter der sowjetischen Agitprop-Kunst
Nikolai Jeschow 1895 4. Februar 1940 Moskau (Lubjanka) Erschießung Chef des NKWD (1936–1938), maßgeblicher Organisator der Großen Säuberung, später selbst verhaftet und hingerichtet

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