Marxismus-Leninismus

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Der Marxismus-Leninismus ist eine politische und gesellschaftliche Ideologie, die auf den Lehren von Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin beruht. Sie wurde im 20. Jahrhundert zur offiziellen Staatsdoktrin der Sowjetunion und prägte zahlreiche kommunistische Regime weltweit. Der Marxismus-Leninismus versteht sich als Weiterentwicklung des Marxismus unter den Bedingungen des Imperialismus und der revolutionären Praxis.

Grundgedanken

Lenin übernahm zentrale Elemente des Marxismus – etwa den historischen Materialismus und die Theorie des Klassenkampfes –, passte sie jedoch an die politischen Verhältnisse des frühen 20. Jahrhunderts an. Während Marx von einer Revolution in hochindustrialisierten Ländern ausging, argumentierte Lenin, dass die sozialistische Revolution auch in einem rückständigen Land wie Russland möglich sei, wenn eine revolutionäre Avantgardepartei die Führung übernehme.

Nach leninistischer Auffassung ist die Arbeiterklasse ohne politische Führung nicht in der Lage, sich selbst zu befreien. Daher müsse eine disziplinierte, zentralistisch organisierte Partei ("Partei neuen Typs") die Interessen des Proletariats vertreten und die Revolution leiten. Diese Partei beanspruchte, den "objektiven" Verlauf der Geschichte wissenschaftlich zu verstehen und im Namen der Arbeiterklasse zu handeln.

Wesentliche Unterschiede zum klassischen Marxismus

Der Marxismus-Leninismus unterscheidet sich vom ursprünglichen Marxismus in mehreren Punkten:

  • Marx sah die Revolution als weitgehend spontanes Ergebnis innerer Widersprüche des Kapitalismus, Lenin hingegen als aktiv organisierten Umsturz unter Führung einer Partei.
  • Marx erwartete den Sozialismus in hochentwickelten Industriestaaten, Lenin verlegte den revolutionären Schwerpunkt auf agrarisch geprägte Länder der Peripherie.
  • Während Marx vor allem theoretisch arbeitete, entwickelte Lenin ein politisch-praktisches Machtmodell, das den Staat als Instrument der "Diktatur des Proletariats" verstand.
  • Unter Lenin und später Josef Stalin wurde aus der Theorie eine dogmatische Staatsideologie, die keine innerparteiliche Kritik oder abweichende Interpretationen zuließ.

Entwicklung zur Staatsdoktrin

Nach der Oktoberrevolution von 1917 erhob die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) den Marxismus-Leninismus zur verbindlichen Weltanschauung. Unter Stalin wurde die Lehre systematisiert und in Schulen, Universitäten und Parteiakademien als einzig zulässige "wissenschaftliche Wahrheit" gelehrt. Abweichungen galten als ideologische Verfehlungen oder "konterrevolutionäre" Akte.

Der Marxismus-Leninismus wurde zur ideologischen Grundlage der politischen Repression: Enteignungen, Schauprozesse und Säuberungen wurden mit der Notwendigkeit des Klassenkampfes gerechtfertigt. In den sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sowie in China, Kuba und Nordkorea diente er als ideologische Legitimation für das jeweilige Einparteiensystem.

Wissenschaftstheoretische Bewertung

Wie der klassische Marxismus beanspruchte auch der Marxismus-Leninismus, auf wissenschaftlichen Gesetzen der Geschichte zu beruhen. In der Praxis entwickelte er sich jedoch zu einer Pseudowissenschaft, die ihre eigene Unfehlbarkeit behauptete und jede Form von empirischer Überprüfung ausschloss. Kritik oder Zweifel galten als Ausdruck "bürgerlicher Ideologie" und wurden politisch verfolgt.

Fazit

Der Marxismus-Leninismus stellt die Verbindung von Marx’ Geschichts- und Ökonomietheorie mit Lenins Macht- und Parteikonzept dar. Was als Lehre zur Befreiung der Arbeiterklasse begann, entwickelte sich in der Realität zu einem System ideologischer Kontrolle, das sich selbst als Wissenschaft verstand, aber jeden offenen Diskurs unterband. Damit wurde der Marxismus-Leninismus zum paradigmatischen Beispiel einer politisch motivierten Pseudowissenschaft, die den Anspruch auf Wahrheit über die Freiheit des Menschen stellte.

Literatur

  • Wladimir I. Lenin: Staat und Revolution. Berlin 1918.
  • Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 1957.
  • Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. München 1977.
  • Richard Pipes: Kommunismus – Eine Geschichte. München 2001.