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Die toten Seelen von Uttar Pradesh
06.10.2003 | 14:51 Uhr

Wer Gogols Roman „Die toten Seelen“ kennt, kann mit dem folgenden Artikel seine Bekanntschaft mit „Lebenden Toten“ machen, die viele Parallelen zur Geschichte des alten Erzählers aufweist. Nein, das ist kein neu entdecktes Werk des 1852 verstorbenen russischen Schriftstellers, sondern es ist eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Und sie spielt nicht im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts, sondern im fernen Indien hier und jetzt. Der Held dieser Geschichte ist ein gewisser Lal Bihari - ein lebender Toter.

Herr Bihari ist weder ein Zombie noch ein Schwindler, aber er „starb“ 1976. Wie das möglich ist? Er konnte es selbst nicht begreifen. „Ich bin hier, ich lebe“, sagte der verdutzte Lal Bihari, nachdem er von seinem „Tod“ erfuhr. „Das mag schon sein“, erklärte der Verwaltungsbeamter, „aber laut meinen Unterlagen sind Sie tot.“ Schon bald erfuhr er, wer für seinen „Tod“ verantwortlich war: sein eigener Onkel.

An diesem Punkt ist die Geschichte nicht zu Ende, sondern nimmt erst ihren Lauf. Lal Bihari verlor sein Land und seine Existenz, aber irgendwie war er nicht richtig überzeugt, dass er kein Teil dieser Welt mehr war. Er nahm einen ungleichen Kampf für seine öffentliche „Wiederbelebung“ auf. Für seine „Reinkarnation“ ließ er nichts unversucht: er kidnappte den Sohn des Onkels, der ihn für tot erklärte und ließ sich festnehmen, schrieb Flugblätter und zog vor Parlament, organisierte seine Beerdigung und forderte eine Witwenrente für seine Frau. Als seine Versuche, die Behörden von seiner irdischen Existenz zu überzeugen, nicht fruchteten, fügte er sich den Beinamen „Mritak - Tod“ hinzu und gründete eine Sammelstelle für andere „Geister“: die Association of Dead People (Mritak Sangh).

Tatsächlich wird geschätzt, dass allein im Bundesstaat Uttar Pradesh an die 10.000 lebende Tote ihr Schattendasein fristen. Der Grund dafür: Überbevölkerung und akuter Landmangel. Land ist aber für die Menschen in Uttar Pradesh oft die einzige Einkommensquelle und Statussymbol. Die Krise zwingt die Menschen zum Handeln, und der Handlungsraum ist ebenfalls knapp bemessen. Das Geschäft mit „Toten Seelen“ floriert in Azamgarh, Biharis Geburtsort. Eine Beamtenbestechung in der Größenordnung zwischen 1 und 50 Dollar genügt, um an Hab und Gut seines Verwandten zu kommen. „Es ist eine clevere Idee“, sagt Lal Bihari. „Sie machen sich die Hände mit einem echten Mordauftrag nicht schmutzig, und doch ist die Person so gut wie tot.“ So ergeht es vielen Auswanderern und Gastarbeitern, die bei ihrer Wiederkehr in die Heimat feststellen müssen, dass sie von raffgierigen Verwandten für tot erklärt worden sind.

Lal Bihari kämpfte bis 1994 - ganze 18 Jahre für seine Rehabilitation. Damit hält er einen einsamen Rekord unter den lebenden Toten Indiens. Mit der von ihm ins Leben gerufenen Vereinigung haben die „Verstorbenen“ die Möglichkeit, gemeinsam für ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu kämpfen. Seit der Gründung von Association of Dead People sind bereits rund dreißig von ihnen erfolgreich rehabilitiert worden. Jedoch nur vier bekamen ihr Land zurück.

Für seinen fast aussichtslosen Kampf mit den Behörden um die Rehabilitation für tot erklärte Menschen wurde Lal Bihari 2003 mit dem Ig Nobel-Preis für Frieden ausgezeichnet.

Quellen: Time Magazine, The Financial Express



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