Blutgruppen und Krankheitsrisiken (Tabelle)

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Blutgruppen sind biologische Merkmale, die durch spezifische Antigene auf den roten Blutkörperchen bestimmt werden. Neben ihrer zentralen Bedeutung für Bluttransfusionen und die Schwangerschaftsvorsorge haben sie auch in der medizinischen Forschung Aufmerksamkeit erregt, da sich statistische Zusammenhänge zwischen Blutgruppen und der Häufigkeit bestimmter Krankheiten zeigen. Diese Beobachtungen beruhen auf epidemiologischen Studien, die Unterschiede in der Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen oder Krebserkrankungen festgestellt haben. Dabei handelt es sich jedoch nicht um direkte Ursachen, sondern um Wahrscheinlichkeiten, die in großen Bevölkerungsgruppen messbar werden. Für den Einzelnen bedeutet dies keine sichere Diagnose oder Prognose, sondern lediglich eine Verschiebung des Risikos.

Überblick

Die Blutgruppen des AB0-Systems (A, B, AB und 0) und des Rhesus-Systems (Rh positiv und Rh negativ) sind in der Medizin vor allem für Bluttransfusionen, Organtransplantationen und in der Schwangerschaftsvorsorge von zentraler Bedeutung. Daneben zeigen zahlreiche Studien seit dem 20. Jahrhundert, dass es statistische Auffälligkeiten zwischen bestimmten Blutgruppen und der Häufigkeit einzelner Krankheiten gibt. Diese Zusammenhänge beruhen auf der Beobachtung, dass bestimmte Erkrankungen bei Personen mit einer Blutgruppe etwas häufiger oder seltener auftreten als bei anderen.

Die Ursachen dafür sind komplex. Die Blutgruppenmerkmale basieren auf spezifischen Zuckerstrukturen (Antigene) auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen, die das Immunsystem und verschiedene Stoffwechselprozesse beeinflussen können. Hierzu zählen etwa Gerinnungsfaktoren, Anfälligkeit für Infektionen oder die Wechselwirkung mit bestimmten Bakterien. Es handelt sich jedoch nicht um eine eindeutige Kausalität. Die Blutgruppe bestimmt nicht, ob eine Erkrankung zwangsläufig eintritt, sondern verändert in manchen Fällen lediglich die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens.

Die Bedeutung dieser Befunde im medizinischen Alltag ist begrenzt. Während einzelne Zusammenhänge gut belegt sind, wie das geringere Risiko für Thrombosen bei Blutgruppe 0, sind andere Assoziationen schwächer und nicht in allen Studien einheitlich bestätigt. Lebensstil, Umweltfaktoren und genetische Veranlagung außerhalb der Blutgruppe haben im Krankheitsgeschehen deutlich mehr Gewicht. Die Hinweise auf statistische Korrelationen sind daher vor allem von epidemiologischem Interesse.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Ein zentraler Bereich der Forschung betrifft Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehrere große Kohortenstudien haben gezeigt, dass Träger der Blutgruppe 0 im Vergleich zu Personen mit den Blutgruppen A, B oder AB ein geringeres Risiko für Thrombosen und Herzinfarkte aufweisen. Dieser Effekt wird vor allem auf Unterschiede in der Blutgerinnung zurückgeführt. Menschen mit Blutgruppe 0 haben im Durchschnitt niedrigere Konzentrationen des Gerinnungsfaktors VIII und des von-Willebrand-Faktors. Beide spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung, weshalb bei niedrigeren Spiegeln das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln reduziert sein kann.

Umgekehrt sind Personen mit den Blutgruppen A, B und AB geringfügig stärker gefährdet, Blutgerinnsel oder arterielle Verschlüsse zu entwickeln. Das betrifft sowohl venöse Thrombosen als auch koronare Herzerkrankungen. Der Unterschied ist statistisch nachweisbar, aber im individuellen Risiko eher moderat. Die Blutgruppe kann daher keinen Ersatz für etablierte Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel darstellen. Diese Faktoren wirken im Krankheitsverlauf erheblich stärker.

Infektionskrankheiten

Auch bei Infektionskrankheiten finden sich Unterschiede zwischen den Blutgruppen. Historisch ist dokumentiert, dass Personen mit Blutgruppe 0 eine gewisse Resistenz gegenüber Malaria zeigen. Der Erreger Plasmodium falciparum haftet an roten Blutkörperchen schlechter an, wenn keine A- oder B-Antigene vorhanden sind. Daraus ergibt sich ein leicht reduziertes Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Gleichzeitig haben Studien Hinweise darauf geliefert, dass Träger der Blutgruppe A anfälliger für bestimmte bakterielle Infektionen sein können, darunter Infektionen mit Helicobacter pylori, das Magengeschwüre verursacht.

Ein weiteres Beispiel liefert die Forschung zu COVID-19. Mehrere Studien aus den Jahren 2020 und 2021 fanden eine leicht erhöhte Häufigkeit schwerer Krankheitsverläufe bei Blutgruppe A, während Blutgruppe 0 tendenziell seltener betroffen war. Andere Untersuchungen kamen jedoch zu weniger eindeutigen Ergebnissen. Es gilt daher als wahrscheinlich, dass Blutgruppen zwar einen Einfluss auf die Immunantwort haben, dieser jedoch im Verhältnis zu anderen Faktoren, etwa Vorerkrankungen oder Alter, gering bleibt.

Krebserkrankungen

Auch bei Krebserkrankungen sind statistische Auffälligkeiten bekannt. Besonders häufig wird die Blutgruppe A mit einem erhöhten Risiko für Magenkarzinome in Verbindung gebracht. Bereits seit den 1950er Jahren gibt es Beobachtungen, dass Magenkrebs bei Blutgruppe A häufiger auftritt. Ähnliche, wenn auch schwächere Zusammenhänge wurden für Pankreaskarzinome beschrieben. Die Ursachen liegen vermutlich in der Wechselwirkung zwischen den Blutgruppen-Antigenen und bestimmten Bakterien sowie der Regulation von Entzündungsprozessen.

Blutgruppe 0 zeigt hingegen ein geringeres Risiko für Magenkrebs, allerdings ein höheres Risiko für Magengeschwüre. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Schutzwirkung in einem Bereich gleichzeitig mit einer Anfälligkeit in einem anderen Bereich einhergehen kann. Für viele andere Krebsarten sind die Zusammenhänge bisher nicht ausreichend erforscht oder die Datenlage ist uneinheitlich. Entsprechend wird die Blutgruppe in der Onkologie nicht als eigenständiger Risikofaktor berücksichtigt.

Tabelle: Statistische Zusammenhänge

Erkrankungsbereich Blutgruppe mit erhöhtem Risiko Blutgruppe mit reduziertem Risiko
Herz-Kreislauf (Thrombosen, koronare Herzkrankheit) A, B, AB 0
Magenkarzinom A 0
Pankreaskarzinom A (schwach belegt) keine klare Reduktion
Magengeschwür / Duodenalulkus 0 A, B
Malaria (schwere Verläufe) A, B, AB 0
Helicobacter-Infektionen A keine klare Reduktion
COVID-19 (schwere Verläufe, teils uneinheitlich) A 0

Einordnung

Die Forschung zu Blutgruppen und Krankheitsrisiken verdeutlicht, dass genetische Unterschiede im AB0- und Rhesus-System über die reine Bluttransfusionsmedizin hinaus Bedeutung haben. Die Antigenstrukturen beeinflussen Gerinnung, Immunabwehr und die Interaktion mit Krankheitserregern. Dennoch handelt es sich um statistische Beobachtungen, die in großen Bevölkerungsgruppen ermittelt wurden. Für das einzelne Individuum besitzen sie nur eingeschränkte Aussagekraft. Die Blutgruppe ist kein Instrument für Diagnosen oder sichere Prognosen.

In der ärztlichen Praxis spielen Blutgruppen daher außerhalb der Transfusions- und Reproduktionsmedizin nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger für die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten bleiben Faktoren wie Lebensstil, Umweltbedingungen und andere genetische Veranlagungen. Die beobachteten Zusammenhänge liefern jedoch wertvolle Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen Blut, Immunität und Krankheitsentstehung und sind daher ein relevantes Feld der epidemiologischen Forschung.