Roaching
Roaching bezeichnet ein Verhalten im Online-Dating oder bei modernen Beziehungsformen, bei dem eine Person vorgibt, an einer exklusiven romantischen Beziehung interessiert zu sein, während sie gleichzeitig mehrere andere Kontakte parallel pflegt – meist ohne dies offenzulegen. Der Begriff leitet sich vom englischen Wort "cockroach" (Kakerlake) ab und spielt darauf an, dass man, sobald man eine entdeckt, oft viele weitere findet. Beim Roaching wird der Partner oder die Partnerin im Glauben gelassen, es handle sich um eine aufrichtige, sich entwickelnde Beziehung, obwohl die andere Person in Wahrheit lediglich sexuelle, unverbindliche oder kurzfristige Interessen verfolgt. Diese Diskrepanz zwischen den gezeigten und tatsächlichen Absichten führt häufig zu emotionaler Verwirrung und Vertrauensverlust bei der betroffenen Seite.
Inhaltlich überschneidet sich Roaching mit anderen Formen manipulativen Dating-Verhaltens wie Breadcrumbing, Ghosting oder Love Bombing, unterscheidet sich jedoch in der Motivation. Während beim Ghosting der Kontakt abrupt abgebrochen wird, geht es beim Roaching darum, mehrere Beziehungen gleichzeitig in einem Schwebezustand zu halten, ohne sich festzulegen. Die Täuschung besteht nicht in einer erfundenen Identität wie beim Catfishing, sondern in der Verschleierung der wahren Beziehungsabsicht. Besonders häufig tritt dieses Verhalten in anonymen oder halböffentlichen Online-Räumen auf, in denen Verbindlichkeit schwerer einzufordern ist. Dating-Apps wie Tinder, Bumble oder OkCupid bieten durch ihre Struktur – ständiges Swipen, neue Matches und unkomplizierte Kommunikation – einen Rahmen, in dem Roaching unauffällig stattfinden kann.
Psychologisch gesehen ist Roaching oft Ausdruck von Bindungsunsicherheit oder Angst vor emotionaler Abhängigkeit. Personen, die sich so verhalten, suchen nach Nähe, ohne Kontrolle aufzugeben. Der gleichzeitige Kontakt zu mehreren Partnern vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Bestätigung, reduziert aber das Risiko emotionaler Verletzung. Auf der anderen Seite erleben Betroffene, die auf Exklusivität vertrauen, häufig Enttäuschung, Misstrauen und Selbstzweifel. Wenn die Wahrheit über parallele Kontakte bekannt wird, kann das den Eindruck verstärken, manipuliert oder benutzt worden zu sein. Die Dynamik des Roachings kann damit langfristig negative Auswirkungen auf das Vertrauen in künftige Beziehungen haben.
Gesellschaftlich spiegelt Roaching eine Tendenz wider, in der sich Dating zunehmend in den digitalen Raum verlagert und emotionale Verbindlichkeit durch unverbindliche Kommunikation ersetzt wird. Das Verhalten ist rechtlich nicht sanktioniert, wird aber moralisch oft als unehrlich oder respektlos empfunden. Einige Dating-Plattformen reagieren mittlerweile mit Funktionen, die Offenheit fördern sollen, etwa durch Hinweise auf Beziehungsintentionen oder exklusive Match-Optionen. In der öffentlichen Diskussion wird Roaching zunehmend als Symptom einer oberflächlichen Dating-Kultur gesehen, in der emotionale Verantwortung hinter persönlichen Bedürfnissen zurücktritt.